Transformatorische Bildung – Folge 185: „Wo bin ich hier gerade? Es hat sich ehrlich gesagt wie ein Fiebertraum angefühlt.“ Migration und Fremdheitserfahrungen

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Transformatorische Bildung! Ich bin euer Gastgeber Tim und freue mich, euch heute eine neue Episode präsentieren zu dürfen. In der heutigen Folge habe ich meine Studentin Elaf zu Gast, die Philosophie und Geschichte auf Lehramt studiert und vor Kurzem ihre Bachelorarbeit bei mir abgeschlossen hat. Unter dem Titel „Wo bin ich hier gerade? Es hat sich ehrlich gesagt wie ein Fiebertraum angefühlt“ hat sie sich mit der Rekonstruktion von Bildungs- und Transformationsprozessen als Antwortgeschehen auf Erfahrungen von Fremdheit im Kontext von Migration auseinandergesetzt.

In unserem heutigen Gespräch rekonstruieren wir den gesamten Ablauf ihrer Arbeit und spannen dabei den Bogen von abstrakten philosophischen Konzepten hin zu den Lebensgeschichten.

Wir beginnen unsere Reise mit der Frage, wie die anthropologische Bildungsforschung das Verhältnis von 1.) transformatorischer Bildung (Kokemohr und Koller) und 2.) pädagogischer Anthropologie als Trias: Emotion, Praxis und Theorie (Zirfas), 3.) anthropologische Kategorien (Wulf/Zirfas), 4.) Performativität und Normativität (Schmidt et al. 2026) begreift.

Um den Verlauf dieser Bildungsprozesse theoretisch zu fassen, bedienen wir uns der vier Causae nach Aristoteles, die wir auf die Bildung übertragen: Wir sprechen über den 1.) Bildungsanlass als irritierendes Moment der Fremdheit, 2.) die Bildungsform im Sinne des Tuns und Erleidens, 3.) den Bildungsgegenstand, der sich in der Konfrontation mit der Alterität zeigt, und 4.) das Bildungsziel, das in einer grundlegenden Transformation der Selbst- und Weltverhältnisse besteht.

Im Kontext unseres Buches Katastrophenbildung beschreiben wir in Bezug auf die Fluchterfahrungen die vier Causae wie folgt: „Die Bildungsprozesse würden dann ausgelöst durch die Todeserfahrungen in Syrien und Eritrea (causa efficiens), die dann in Berichtform (causa formalis) auf das Thema des Abhauens und Weggehens bzw. des Gehens und der Zielverfolgung (causa materialis) bezogen werden, um im Weggegangensein anzukommen bzw. dem Bildungsziel Wasserbauingenieur näher gekommen zu sein (causa finalis).“ (Schmidt et al. 2026, S. 159)

Elaf führt uns dann in die Phänomenologie des Fremden von Bernhard Waldenfels ein. Wir diskutieren, wie Fremdheit uns als unhintergehbares Pathos widerfährt und uns zu einer Response, einem Antwortgeschehen, zwingt. Dabei klären wir, wie der Mensch auf das Fremde reagiert: sei es durch Ausgrenzung des Fremden als Feind, durch schlichte Anpassung und Aneignung oder durch ein produktives Antworten, das neue Sinnhorizonte erschließt. Um diesen zeitlichen Verlauf zu strukturieren, nutzen wir die anthropologische Trias von Emotion, Praxis und Theorie nach Jörg Zirfas. Wir zeigen, dass Transformationen selten linear verlaufen, sondern oft mit intensiven Gefühlen beginnen, sich im praktischen Handeln fortsetzen und erst in der theoretischen Reflexion ihren vorläufigen Abschluss finden.

Der Kern unseres Gesprächs widmet sich den sieben anthropologischen Kategorien – Körper, Raum, Zeit, Soziales, Kultur, Grenzen und Subjekt –, die wir anhand von zwei narrativen Interviews durchdeklinieren. Dabei beleuchten wir die performativen und normativen Dimensionen der erzählten Geschichten, in denen Sprache eine entscheidende Rolle einnimmt.

Als Erstes betrachten wir das Interview mit Alia*. Ihre Geschichte führt uns vor Augen, wie Fremdheitserfahrungen uns unmittelbar leiblich treffen. Bei einem Besuch in ihrem Geburtsland Afghanistan im Alter von zwölf Jahren erfährt sie ihren eigenen Körper durch die schiefen Blicke von Männern plötzlich als fremdbestimmt und reguliert – ein klassisches Pathos auf der körperlichen und räumlichen Ebene. Dass ihre Tante ihr daraufhin ein Kopftuch kauft, markiert eine harte kulturelle Grenze. Alia beschreibt diese Erfahrung rückblickend performativ als einen Fiebertraum, was die leiblich-affektive Desorientierung und Unwirklichkeit perfekt auf den Punkt bringt. Gleichzeitig betrachten wir ihre sprachlichen Oh-Ok-Momente bei der Ankunft im Westen, in denen sich performativ neue Erkenntnisse über Frauenrechte und Freiheit artikulieren. Dieser Push transformiert ihr Frauenbild und ihr Selbstverhältnis als Subjekt nachhaltig. Wir sprechen auch über ihre Rolle als Dolmetscherin ihrer Eltern, in der Sprache als Grenze, aber auch als Medium der Handlungsfähigkeit sichtbar wird, und über die paradoxe Erfahrung der Ausgeschlossenheit innerhalb migrantischer Gruppen in Nordrhein-Westfalen, die zeigt, dass Fremdheit auch im vermeintlich Eigenen lauern kann.

Als Zweites wenden wir uns dem Interview mit Larissa* zu. Ihre Transformation verläuft leiser, zeigt aber eine ebenso tiefgreifende Verschiebung der Weltverhältnisse. Ihre Fremdheitserfahrung beginnt nicht in der Fremde, sondern im eigenen familiären Nahraum durch die wirtschaftlich bedingte, vierjährige Trennung vom Vater. Dieses Ausgesetztsein wird leiblich und affektiv im gemeinsamen Weinen der Familie spürbar. Nach ihrer Ankunft in Deutschland mit 19 Jahren erlebt sie im Supermarkt Sprache als Grenze, als sie trotz englischer Fragen nur deutsche Antworten erhält. Larissa löst diese Grenzziehung jedoch produktiv auf, indem sie über Praktika und eine Ausbildung im pharmazeutischen Bereich neue Handlungsräume erschließt. Besonders faszinierend ist, wie sie Heimat performativ neu konstituiert: Nicht mehr als Territorium, sondern über familiäre Nähe – Heimat ist, wo meine Familie ist. Ihre Transformation folgt ebenfalls der Trias: Aus der theoretischen Einsicht in die Perspektivlosigkeit in Griechenland und der emotionalen Trauer über den Verlust der Heimat erwächst eine pragmatische Praxis der Integration und des Entwurfs einer sicheren Zukunft in Deutschland. Auch ihre Angst vor einem erneuten Verlust von Stabilität, etwa bei der drohenden Schließung ihrer Apotheke, zeigt das typische Schwanken des tragenden Bodens im Sinne von Waldenfels.

Am Ende unseres Gesprächs vergleichen wir die beiden Lebenswege: Während Alia eine stark gesellschaftlich-reflexive Transformation durchläuft, die ihr Selbstverhältnis als Frau im Spannungsfeld von Geschlechterordnungen neu definiert, zeigt sich bei Larissa eine pragmatische, lebensweltliche Neuorientierung, die an Familie und Sicherheit gekoppelt ist. Schließlich wende ich die Theorien auf Elaf selbst an und frage sie nach ihrem eigenen Bildungsprozess. Sie reflektiert wunderbar, wie die intensive Beschäftigung mit den Interviews und das Aufspüren performativer Sprachfiguren wie dem Fiebertraum ihr eigenes Verständnis von Migration verändert hat. Sie hat gelernt, tiefer hinzuhören und den Menschen in seiner biografischen Dynamik zu verstehen.

Diese Folge zeigt eindrucksvoll, dass Fremdheit nicht nur eine Störung der Ordnung ist, sondern das produktive Potenzial besitzt, neue Türen für den Welt- und Selbstbezug zu öffnen.