Transformatorische Bildung – Folge 73 “He, Sie da!”

Im Gespräch mit Vanessa unterhalten wir uns über das Interview mit Samuel, der nach Deutschland geflüchtet ist. Wir beziehen das auf das Buch “Die Banalität des Rassismus” von Terkessidis und auf die Szene bei Althusser mit dem Polizisten: “Hey sie da, bleiben sie stehen.” Außerdem stellen wir fest, das in Rheinland offenbar regelmäßig der Bücher von Terkessidis gestohlen werden.

Transformatorische Bildung – Folge 63 “Figuren des Widerstandes gegen Diskriminierung”

In diesem Podcast bespreche ich mit Volkan seine Masterarbeit mit dem Titel “Figuren des Widerstandes gegen Diskriminierung”. Die Masterarbeit ist über edu-pub veröffentlicht. Interviews (FR008) (FR029) (FR033) (FR055)

Auszug aus dem Interview (FR008)
B: Ja auf der Realschule. Ne auf dem Gymnasium war das. Da hatten wir einen Lehrer der
173 hieß Herr B. Der ist, also der ist dafür bekannt gewesen immer schnell auszuflippen oder so.
174 Und (?) da saß dieser Italiener vor mir und da bin ich – aus dem Sprung hab ich dem halt nen
175 Nackenklatscher gegeben. Das war damals irgendwie cool. Und dann ist der halt genau zu
176 Ihm halt gegangen. Und der hat mich dann halt nach vorne gerufen. Hat mich dann halt vor
177 der Klasse so Gesicht an Gesicht angeschrien. Also der kam halt so nah ungefähr /zeigt/ also
178 so zehn Zentimeter von mir weg. Hat mich halt angeschrien so. Hab ich dann halt bestimmt
179 fünf Liter Speichel abbekommen. Und ja war halt so kurz vorm heulen weil ich halt ein
180 kleines Kind noch war. Also der hat sich halt- also das war zurecht irgendwie. Aber wie der
181 das gemacht war kacke halt vor der ganzen Klasse hat der mich angeschrien. Ich sollte mich
182 dann entschuldigen. Also zu dem hingehen dem die Hand geben und mich entschuldigen so
183 halt. Die Klasse hat halt gegrinst weil die wusste so- weil die – ich wurd da halt teilweise zu
184 angestiftet und der Lehrer- ja wie soll ich sagen? Jeder hatte halt auf der Schule Schiss vor
185 dem und der hat mich halt- Also ich wurde noch nie so angeschrien. Nicht mal von meinen
186 Eltern. Der ist richtig ausgeflippt und das war würd ich sagen irgendwie- Also da kann ich
187 mich noch genau dran erinnern. (3) Auf der Hauptschule waren die Lehrer irgendwie so- Die
188 hatten Teilweise Angst vor dem- Also die wurden halt bedroht im Unterricht. Und wenn die
189 in der Pause dann Frech geworden sind oder irgendwas sagen wollten, zum Beispiel rauch
190 nicht auf dem Schulhof oder so- Also wie gesagt drei mal glaube ich in den anderthalb Jahren
191 sind die da verprügelt worden. Keine Ahnung. (3) Die coolsten Lehrer hab ich jetzt auf dem
192 Berufskolleg. Die sind respektvoll. Wir sind respektvoll zu denen so. Ja ich find- was mir
193 geholfen hat irgendwie ist zu sehen, dass wir auf einer Stufe sind mit den Lehrern. Also klar
194 die benoten uns und so. Aber dadurch, dass die uns siezen oder uns das Anbieten zumindest
195 auch gesiezt zu werden- fühlt man sich nicht so klein vor nem Lehrer.

Transformatorische Bildung – Folge 028 “Berichten und Erzählen von Fluchterfahrungen”

In diesem Podcast besprechen Mimoza und ich das Interview von Adrian (FR001) in Bezug auf die Erzähltheorie von Ricœur, das Spiegelstadium nach Lacan und der Anrufung nach Butler.

Literatur

Kokemohr, Rainer: Bildung als Welt- und Selbstentwurf im Anspruch des Fremden. Eine theoretischempirische Annäherung an eine Bildungsprozesstheorie. In (Hg.) Koller, Hans-Christoph; Marotzki, Winfried; Sanders, Olaf: Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Bielefeld, transcript. 2007

Transformatorische Bildung – Folge 020 “Kritische Theorie mit Daniel Burghardt”

Ich unterhalte mich mit Dr. Daniel Burghardt über Kritische Theorie und Kritische Pädagogik. Herr Burghardt vertritt zur Zeit die Professur Bildung und Heterogenität an der Universität zu Köln.

Auszug aus dem Arian*-Interview (Fr001)
123 (2) Dann sind wir erstmal
124 so zehn Minuten zu Fuß. Und dann war hier die serbische
125 Grenze /zieht auf dem Tisch eine Linie mit seinem Finger/ und
126 hier Ungarn /zeigt auf andere Seite der Linie/. Da war dieses
127 Maisfeld und da waren ein paar Steine, die sollten Grenze zei-
128 gen, also die serbische-ungarische Grenze. Ja, und dann kam der
129 serbischer Typ, der sagte dann zu uns: Bis hier war meine Auf-
130 gabe, euch bis hier zu bringen, ab hier müsst ihr alleine, wo
131 diese Steine da waren, und da waren auch so Gräben, aber der
132 Abstand war ziemlich groß, von serbischer zu ungarischer Seite,
133 aber da war kein Wasser drin. [Also quasi waren da zuerst
134 Steine, dann ein Graben, und dann kam Ungarn?] Ja genau,
135 richtig. Ja, und wir haben gehört, wenn wir diesen Punkt an-
136 kommen, also an Grenze, das wird auch kein Problem sein.
137 Erstmal hatten wir Angst wegen serbischer Polizei, aber zum
138 Glück haben wir sie nicht getroffen. (.) Da waren auch ein paar
139 äh alte Frauen, die sich nicht bewegen konnten und so. Die hat-
140 ten auch Kinder und so (.) da waren auch ein paar Bekannte von
141 (.) uns die Frauen konnten nicht mehr. Die waren schon am wei-
142 nen (.) und sagten geht ihr und nehmt mit meine Kinder und so
143 (2) ja… habe ich auch so ein kleines Kind in meine Arme ge-
144 nommen (.) und äh (3), also ihre Mutter sagte ich kann nicht
145 mehr und so (.) und ich hatte meine Sachen meinen Rucksack,
146 eine Tasche und so und das Kind auch (.). Und dann ist (.) das
147 kleine Kind hat geweint, weil ihre Mutter sagte, ich kann nicht
148 mehr ich bleibe hier und so. Aber dann ist mein Vater dort hin
149 gegangen und hat geholfen und hat die über die ungarische
150 Grenze gebracht. Dann musste ich das Kind nehmen, weil wir
151 mussten ganz schnell gehen über das Maisfeld. Und für einen
152 Moment (.) konnte ich nicht mehr (.) das Kind war die ganze
153 Zeit am weinen und hatte schon ganz rotes Gesicht und auf dem
154 anderen Arm hatte ich Tasche. Für einen Moment ist das äh
155 Kind gefallen. Also nicht auf den Boden[Du hast sie aber dann
156 nicht fallen lassen oder?] aber so ich hab das dann noch gehal-
157 ten. Äh dann (.) und ihr Gesicht war in den Maisfelder damit sie
158 aufhört zu weinen ich konnte nichts machen. Sie schrie Mama,
159 Mama und wir hatten sorgen weil wir ja schnell gehen mussten
160 sie war rot. Ich war zweite Person (.) erste Person war Freund
161 von mir, ein junger Mann. Ich war in der Schule mit ihm (.) für
162 einen Moment haben die Äste der Maisfelder ähm (3) [also da
163 war eine Lücke?] ja da war eine Lücke zwischen, er war in den
164 Feldern und ist nicht mehr gegangen und hat mich angeschaut.
165 Er war aufgeregt, weißt du (.) was ist fragte ich, geh schnell.
166 Denn wenn wir an die serbische Grenze waren, der Typ hat ge-
167 sagt da ist eine Kirche. Ihr müsst in die Richtung der Kirche ge-
168 hen, die Kirche ist in Ungarn was sollen wir da machen. Wir
169 sollten äh…zu einem Mann gehen [Meinst du vielleicht Pastor
170 oder Priester?] äh ja zu einem Pastor gehen und sagen, dass wir
171 Hilfe brauchen. Das war nur ein Witz die Kirche war ganz, ganz
172 weit und so (.) wir haben nicht geschafft dahin zu gehen [lacht].
173 Es war laut in den Maisfeldern. Ähm der Typ sagte dann zu
174 mir, ich kann nicht mehr, mach langsam. Wir waren fast 30 Per-
175 sonen, es war laut und so ähm im Maisfeld aber er sagte zu mir
176 ich kann nicht mehr. Die haben gesagt, die Polizei steht hier,
177 dann sagten wir ja dann geh. Dann sagten die Polizisten stopp
178 und wir sind alle um die Polizisten rum, die fragten dann wo
179 wir hin wollen. Wir äh… sagten immer weiter. Ja wir sind
180 Flüchtlinge und so. Dann haben sie zu uns gesagt, wir sollen
181 alle in Knie gehen und (.) ja äh haben wir gemacht weil wir
182 konnten nichts und die hatten Pistolen (.) ich war als Hauptper-
183 son dabei und hab auf Englisch mit denen gesprochen. Ich
184 sagte, wir haben keine Pistole oder Messer, wir wollen nur wei-
185 ter gehen. Wir haben Brot gegessen und waren fast zwei Stun-
186 den unterwegs zu Fuß. Dann sind wir da ein bisschen gestanden,
187 waren immer nett zu ungarische Polizei und so und haben was
188 gegessen. Dann haben die einen mini Bus angerufen, ich dachte
189 da kommen jetzt ein paar Polizisten aber da kamen ganz viele
190 mit Blaulicht. Die waren sehr, sehr hart. (.) Schnell in Mini Bus
191 [Waren die mini Busse von der Polizei?] und so wir waren eine
192 Familie und zwei Personen einer anderen Familie. Wir waren
193 vier Personen meine Familie die andere Familie und zwei Ty-
194 pen. Die mini Busse waren von der Polizei. Ein Typ ist im Mini
195 Bus stehen geblieben und der andere ist gefahren. Der eine hat
196 aufgepasst dass wir nichts machen. In der Mitte des Autos war
197 ein Weg aber das Auto ist sehr schnell gefahren, der hat immer
198 mehr auf Gas gedrückt und in Spiegel geguckt, ich konnte gar
199 nichts (.) äh machen. Die waren sehr hart. Ich musste aufpassen
200 auf meine Familie. (.) wir waren dann in der Polizeistation (2)
201 und dann mussten die alles kontrollieren und so. Tasche, Port-
202 monee ein Cent, Euro, die mussten alles kontrollieren. Ich hatte
203 Karte, die mussten alles schreiben. Wir mussten Fingerabdrücke
204 geben, viermal. Das hat die ganze Nacht gedauert.

Transformatorische Bildung – Folge 003 “Bildung und Anrufung nach Judith Butler / Selda-Interview Teil 1”

Heute haben Mimoza und ich das Selda-Interview (FR040der Name ist verändert) besprochen. Leider sind wir ungefähr in der Hälfte unterbrochen worden. Aber es sind doch einige interessante Ideen zur Anrufung dort enthalten.

Zitat “Ähm und was ich, ja ich hatte immer Probleme in der Schule tatsächlich, weil ich viele Mitschülerinnen nicht verstehen konnte was äh zum Beispiel ähm die Religion anging?. Da hat ich immer eine andre Sichtweise als meine Mitschülerinnen? und dafür ähm hab ich mir immer Eingebildet, das ist der äh das Allgemeinwissen vielleicht irgendwo aus auch die Bildung ist das man anders über, über Religion auch denkt als meine Mitschülerinnen. Die eh mich immer als Schlampe bezeichnet oder mich beleidigt haben, weil ich kurze Sachen angezogen hab zum Beispiel? und die aber lange Sachen dafür, in der Pause gekifft haben und äh ganze Zeit mit den Jungs abgehangen haben? ja ne das ist das dann. Hab ich mir auch halt immer ich so das äh und wir haben, ich hatte Ethik, das äh sagt euch vielleicht das ist dieses irgendwie sag ich immer keine richtige Religion man ist ja irgendwie für nix und äh da /lachen, ja/ da äh da war immer die Diskussion ähm von mir? tatsächlich, dass äh ich zwar als Moslem geboren bin? aber es nicht auslebe und ich nicht nur, weil ich jetzt Schweinefleisch äh oder Alkohol trinke in die Hölle komm und, dass ja das war tatsächlich deren ähm das glauben die, das haben die geglaubt, dass wenn die Schweinefleisch essen, dass sie in die Hölle kommen, dass sie in der Hölle irgendwie verbrannt werden. Ob das jetzt so ist oder nicht das kann ich irgendwann sagen, wenn ich äh wied- wiederbelebt werde und sag ja so wars aber mein Verstand (.) hat mir immer gesagt kann doch net sein also warum, man lebt ja nur einmal auf der Welt und warum sollte ich mir, was verbieten äh was, worauf ich eigentlich Lust hab. Manchmal so worauf ich Lust hab, weil viele meiner Mitschülerinnen die ähm vieles auch gewollt haben aber es nicht gemacht haben, dadurch weil es die Kultur, weil (.) es die Religion einfach nicht zu lässt und das ist ja (2) gehört ja auch irgendwie was von Freiheit was von, von eigenem (3) Verstand, ja gut ich glaub ich komm jetzt was vom Thema ab.”

Literatur

Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung, Suhrkamp Verlag 1977

Koller, Hans-Christoph: Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Kohlhammer, Stuttgart. 2006 (Darin: Kapitel 1: Der Erziehungsbegriff der Aufklärung: Kant. S. 25 ff.)