Transformatorische Bildung – Folge 85 “Fünf Urszenen: Freud, Lacan, Althusser, Foucault, Butler”

Mit Mimoza bespreche ich anhand von fünf Szenen ein Interview (FR033)

 

Freud

“Dieses brave Kind zeigte nun die gelegentlich störende Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren es habhaft wurde, weit weg von sich in eine Zimmerecke, unter ein Bett usw. zu schleudern, so daß das Zusammensuchen seines Spielzeuges oft keine leichte Arbeit war. Dabei brachte es mit dem Ausdruck von Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes o–o–o–o hervor, das nach dem übereinstimmenden Urteil der Mutter und des Beobachters keine Interjektion war, sondern »fort« bedeutete. Ich merkte endlich, daß das ein Spiel sei und daß das Kind alle seine Spielsachen nur dazu benütze, mit ihnen »fortsein« zu spielen. Eines Tages machte ich dann die Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. Das Kind hatte eine Holzspule, die mit einem Bindfaden umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie zum Beispiel am Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen, sondern es warf die am Faden gehaltene Spule mit großem Geschick über den Rand seines verhängten Bettchens, so daß sie darin verschwand, sagte dazu sein bedeutungsvolles o–o–o–o und zog dann die Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus, begrüßte aber deren Erscheinen jetzt mit einem freudigen »Da«. Das war also das komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zumeist nur den ersten Akt zu sehen bekam, und dieser wurde für sich allein unermüdlich als Spiel wiederholt, obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt anhing.” (https://gutenberg.spiegel.de/buch/jenseits-des-lustprinzips-8092/2)

Lacan
“ … vor dem Spiegel ein Säugling, der noch nicht gehen, ja nicht einmal aufrecht stehen kann, der aber, von einem Menschen oder einem Apparat (in Frankreich nennt man ihn «trotte-bebe») umfangen, in einer Art jubilatorischer Geschäftigkeit aus den Fesseln eben dieser Stütze aussteigen, sich in eine mehr oder weniger labile Position bringen und einen momentanen Aspekt des Bildes noch einmal erhaschen will, um ihn zu fixieren. (…)
Man kann das Spiegelstadium als eine Identifikation verstehen im vollen Sinne, den die Psychoanalyse diesem Terminus gibt: als eine beim Subjekt durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Verwandlung. Daß ein Bild für einen solchen Phasen-Effekt prädestiniert ist, zeigt sich bereits zur Genüge in der Verwendung, die der antike Ter- minus Imago in der Theorie findet.” (Lacan 1973, S. 65)

Althusser
“Wir behaupten außerdem, daß die Ideologie in einer Weise »handelt« oder »funktioniert«, daß sie durch einen ganz bestimmten Vorgang, den wir Anrufung (interpellation) nennen, aus der Masse der Individuen Subjekte »rekrutiert« (sie rekrutiert sie alle) oder diese Individuen in Subjekte »transformiert« (sie transformiert sie alle). Man kann sich diese Anrufung nach dem Muster der einfachen und alltäglichen Anrufung durch einen Polizisten vorstellen: »He, Sie da!« Wenn wir einmal annehmen, daß die vorgestellte theoretische Szene sich auf der Straße abspielt, so wendet sich das angerufene Individuum um. Durch diese einfache physische Wendung um 180 Grad wird es zum Subjekt. Warum? Weil es damit anerkennt, daß der Anruf »genau« ihm galt und daß es »gerade es war, das angerufen wurde« (und niemand anderes). “ (Althusser 1979, S. 140)

Foucault

“Das Panopticon von Bentham ist die architektonische Gestalt dieser Zusammensetzung. Sein Prinzip ist bekannt: an der Peripherie ein ringförmiges Gebäude; in der Mitte ein Turm, der von breiten Fenstern durchbrochen ist, welche sich nach der Innenseite des Ringes öffnen; das Ringgebäude ist in Zellen unterteilt, von denen jede durch die gesamte Tiefe des Gebäudes reicht; sie haben jeweils zwei Fenster, eines nach innen, das auf die Fenster des Turms gerichtet ist, und eines nach außen, so daß die Zelle auf beiden Seiten von Licht durchdrungen wird. Es genügt demnach, einen Aufseher im Turm aufzustellen und in jeder Zelle, einen Irren, einen Kranken, einen Sträfling, einen Arbeiter oder einen Schüler unterzubringen. Vor dem Gegenlicht lassen sich vom Turm aus die kleinen Gefangenensilhouetten in den Zellen des Ringes genau ausnehmen. Jeder Käfig ist ein kleines Theater, in dem jeder Akteur allein ist, vollkommen individualisiert und ständig sichtbar. Die panoptische Anlage schafft Raumeinheiten, die es ermöglichen, ohne Unterlaß zu sehen und zugleich zu erkennen. Das Prinzip des Kerkers wird umgekehrt, genauer gesagt: von seinen drei Funktionen- einsperren, verdunkeln und verbergen – wird nur die erste aufrechterhalten, die beiden anderen fallen weg. Das volle Licht und der Blick des Aufsehers erfassen besser als das Dunkel, das auch schützte. Die Sichtbarkeit ist eine Falle.” (Foucault, 1975, S. 256)

Butler

“Und in der Tat, mit der ärztlichen Interpellation (ungeachtet der in den letzten Jahren aufgekommenen Ultraschall- aufnahme) wechselt das Kleinkind von einem ‚es‘ zu einer ‚sie‘ oder einem ‚er‘; und mit dieser Benennung wird das Mädchen ‚mädchenhaft gemacht‘, es ge- langt durch die Anrufung des sozialen Geschlechts in den Bereich von Sprache und Verwandtschaft. […] Das Benennen setzt zugleich eine Grenze und wieder- holt einschärfend eine Norm“ (Butler 1997: S. 29).

Transformatorische Bildung – Folge 72 “Wurzelbehandlung”

Im Gespräch mit Svenja unterhalten wir uns über ihr narratives Interview, das sie mit Esther Donkor geführt hat. Normalerweise werden die Interviews anonymisiert. Da aber die interviewte Person selbst das Buch Wurzelbehandlung geschrieben hat und zum das Blog http://krauselocke.de/

betreiben, haben wir den echten Namen verwendet. Wir beziehen das narrative Interview auf die Theorie von Butler und auf das Buch “Die Banalität der Rassismus” von Terkessidis (2004).

Transformatorische Bildung – Folge 63 “Figuren des Widerstandes gegen Diskriminierung”

In diesem Podcast bespreche ich mit Volkan seine Masterarbeit mit dem Titel “Figuren des Widerstandes gegen Diskriminierung”. Die Masterarbeit ist über edu-pub veröffentlicht. Interviews (FR008) (FR029) (FR033) (FR055)

Auszug aus dem Interview (FR008)
B: Ja auf der Realschule. Ne auf dem Gymnasium war das. Da hatten wir einen Lehrer der
173 hieß Herr B. Der ist, also der ist dafür bekannt gewesen immer schnell auszuflippen oder so.
174 Und (?) da saß dieser Italiener vor mir und da bin ich – aus dem Sprung hab ich dem halt nen
175 Nackenklatscher gegeben. Das war damals irgendwie cool. Und dann ist der halt genau zu
176 Ihm halt gegangen. Und der hat mich dann halt nach vorne gerufen. Hat mich dann halt vor
177 der Klasse so Gesicht an Gesicht angeschrien. Also der kam halt so nah ungefähr /zeigt/ also
178 so zehn Zentimeter von mir weg. Hat mich halt angeschrien so. Hab ich dann halt bestimmt
179 fünf Liter Speichel abbekommen. Und ja war halt so kurz vorm heulen weil ich halt ein
180 kleines Kind noch war. Also der hat sich halt- also das war zurecht irgendwie. Aber wie der
181 das gemacht war kacke halt vor der ganzen Klasse hat der mich angeschrien. Ich sollte mich
182 dann entschuldigen. Also zu dem hingehen dem die Hand geben und mich entschuldigen so
183 halt. Die Klasse hat halt gegrinst weil die wusste so- weil die – ich wurd da halt teilweise zu
184 angestiftet und der Lehrer- ja wie soll ich sagen? Jeder hatte halt auf der Schule Schiss vor
185 dem und der hat mich halt- Also ich wurde noch nie so angeschrien. Nicht mal von meinen
186 Eltern. Der ist richtig ausgeflippt und das war würd ich sagen irgendwie- Also da kann ich
187 mich noch genau dran erinnern. (3) Auf der Hauptschule waren die Lehrer irgendwie so- Die
188 hatten Teilweise Angst vor dem- Also die wurden halt bedroht im Unterricht. Und wenn die
189 in der Pause dann Frech geworden sind oder irgendwas sagen wollten, zum Beispiel rauch
190 nicht auf dem Schulhof oder so- Also wie gesagt drei mal glaube ich in den anderthalb Jahren
191 sind die da verprügelt worden. Keine Ahnung. (3) Die coolsten Lehrer hab ich jetzt auf dem
192 Berufskolleg. Die sind respektvoll. Wir sind respektvoll zu denen so. Ja ich find- was mir
193 geholfen hat irgendwie ist zu sehen, dass wir auf einer Stufe sind mit den Lehrern. Also klar
194 die benoten uns und so. Aber dadurch, dass die uns siezen oder uns das Anbieten zumindest
195 auch gesiezt zu werden- fühlt man sich nicht so klein vor nem Lehrer.

Transformatorische Bildung – Folge 59 “Rede über Rassismus”

Im Gespräch mit Lea unterhalten wir uns über eine Interview (FR071). Dabei diskutieren wir auch, wie man über Rassismus reden kann. Zudem geben wir noch einmal eine Einführung in die Theorie von Judith Butler.

Aber ich hab das irgendwie noch so im Kopf, da gab es so ein Buch mit so Tieren, also Bildern von Tieren und ich habe immer mit so einem Kind gespielt und habe immer alle Tiere auf Ghanaisch gesagt und dann haben wir uns gestritten, weil die da ja dann immer sogesagt hat: /Verstellt ihre Stimme/ ‚Nein das heißt so und so und nein, das heißt so und so.’ /Lacht/