Transformatorische Bildung – Folge 177 „Flucht als Katastrophe“

In der neuesten Folge meines Podcasts „Transformatorische Bildung“ mit dem Titel „Flucht als Katastrophe“ habe ich Sembé zu Gast. Ich komme gerade vom Kongress der DGfE in München, wo wir auf einem Symposium Überlegungen aus unserem aktuelles Buch vorgestellt haben: Schmidt, Tim/Krebs, Moritz/Rader, Timur/Schamel, Liesa/Schulz, Birgit/Zirfas, Jörg (2026): Katastrophenbildung. Entwurf einer anthropologischen Bildungsforschung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2026. Da ich somit thematisch tief in der Materie stecke, freue ich mich besonders, heute mit Sembé zu sprechen, die kürzlich ihre Masterarbeit bei mir geschrieben hat und in ihrer täglichen Praxis mit Geflüchteten arbeitet. 

In unserem Gespräch legen wir zunächst ein theoretisches Fundament und blicken auf die Transformatorische Bildung nach Kokemohr und Koller, die Bildungsprozesse als tiefgreifende Veränderungen des Welt- und Selbstverhältnisses durch Krisen versteht. Um die spezifische Situation von Flucht greifbar zu machen, diskutieren wir Bernhard Waldenfels‘ Begriff der Fremdheit – die Erfahrung, aus vertrauten Ordnungen herauszufallen und von außen als „fremd“ markiert zu werden. Dies ergänzen wir mit Judith Butlers Konzept der Anrufung, das sich sehr treffend mit ihren Überlegungen aus „Das gefährdete Leben“ verknüpfen lässt: Menschen werden gesellschaftlich als „Flüchtlinge“ angerufen und übernehmen diese oftmals diskriminierende Subjektivierung in ihr eigenes Selbstbild. Um diese Prozesse systematisch zu fassen, arbeiten wir mit der anthropologischen Trias aus Emotion, Praxis und Theorie sowie den zentralen anthropologischen Kategorien: Körper, Raum, Zeit, Soziales, Kultur, Subjekt und Grenzen. Eine Katastrophe definiert sich gerade dadurch, dass sie existenziell ist und alle diese anthropologischen Dimensionen massiv beeinträchtigt. Für die vorliegende Arbeit ist dieser Ansatz der Katastrophenbildung besonders relevant, da er ermöglicht, die Bildungsprozesse geflüchteter Personen fernab von normativen Gedankengängen zu analysieren. Flucht stellt eine biografische Katastrophe dar, in der vertraute Ordnungen zusammenbrechen und neue Formen der Orientierung erst entwickelt werden müssen. Bildung erscheint hier nicht als Anpassung an bestehende Verhältnisse, sondern als offener Transformationsprozess, der Verletzbarkeit nicht ausschließt.

Der Schwerpunkt unserer Folge liegt auf dem empirischen Teil in dem wir zwei sehr eindrückliche narrative Interviews analysieren, die Sembé geführt hat. Zuerst betrachten wir Adams, der aus Ghana über Marokko und Spanien nach Deutschland floh. Seine Fluchtgeschichte ist gezeichnet von intensiven Fremdheitserfahrungen – sei es durch Rassismus in Marokko oder beim tagelangen, lautlosen Überlebenskampf in einem Waldgebiet. In Europa angekommen, erlebte er eine permanente Anrufung als unerwünschter „Illegaler“ oder untätiger Flüchtling, was seine Subjektivierung stark belastete und ihn in einen lähmenden Dauerzustand des Wartens versetzte. Betrachtet man seine Erfahrung durch die anthropologischen Kategorien, stand sein Körper unter ständiger Todesgefahr, der Raum wurde zur feindlichen Umgebung und seine Zeitlichkeit fror in reiner Überlebensgegenwart und zermürbender Ungewissheit ein. Am Ende stand eine Abschiebung, was diesen Prozess als tiefgreifendes Scheitern markiert. Als Bildungsfigur verkörpert Adams für uns somit eine tragische Bildung – eine Entwicklung ohne Ausweg, in der er trotz enormen Leids dennoch bemerkenswerte Momente von Selbstbewusstsein und Hoffnung bewahrte.

Dem gegenüber steht das Interview mit Mahmoud, einem kurdischen Studenten aus Damaskus, der über die Türkei und Griechenland floh. Auch Mahmoud durchlebte unvorstellbare Katastrophen, sah auf dem Mittelmeer Menschen sterben und war in den anthropologischen Kategorien von Körper, Raum und Zeit massiv bedroht, da er im reinen Überlebensmodus schlichtweg funktionieren musste. Im Gegensatz zu Adams erfuhr Mahmoud in Deutschland jedoch formale und soziale Anerkennung: Er erhielt Asyl, durfte arbeiten, gründete eine Familie und fand Respekt in der Gesellschaft. Durch diese positiven Anrufungen wandelte sich seine Subjektivierung; er verknüpft heute seine kurdisch-syrischen Traditionen reflektiert mit der deutschen Kultur. Mahmoud bietet sich uns in der Auswertung daher als Bildungsfigur einer zielgerichteten Bildung an – ein Prozess, bei dem er trotz schwerster Brüche erfolgreich Welten verbindet, ein neues Selbstverhältnis aufbaut und seiner Zukunft eine idyllische, familienzentrierte Perspektive geben kann.

Zusammenfassend kann man die Bildung in und durch Katastrophen beschreiben als einen tiefgreifenden, stets offenen und nicht-normativen Transformationsprozess des Welt- und Selbstverhältnisses, der nicht trotz, sondern gerade wegen einer existenziellen Krise angestoßen wird. Es geht hierbei nicht um das bloße Erreichen vorgegebener Ziele oder einfache Anpassungsleistungen, wie etwa nur das Erlernen der deutschen Sprache, sondern um die höchst individuelle Verarbeitung eines radikalen Bruchs. Dabei ist mir besonders wichtig zu betonen, dass wir diese Verläufe nicht normativ werten dürfen, da selbst in Fällen des scheinbaren Scheiterns – wie bei der tragischen Bildungsfigur Adams – immer menschliche Potenziale bestehen bleiben. Wie Jörg Zirfas auf der Tagung in München mit Bezug auf Primo Levi eindrücklich dargelegt hat, bleiben den Menschen auch in den verheerendsten Katastrophen gewisse „Möglichkeitsräume“ erhalten. Die Freiheit, sich an Situationen zu erinnern, die eigene Geschichte zu erzählen, Verantwortung zu übernehmen und vor allem die Fähigkeit zu hoffen, gehen niemals vollständig verloren. Katastrophenbildung macht genau diese Dimensionen sichtbar und zeigt, wie Menschen selbst unter der massiven Bedrohung aller anthropologischen Kategorien Wege finden können, sich neu zu ihrer Welt zu verhalten.

Transformatorische Bildung – Folge 156 „Anthropologische Dimensionen des Reisens diskutiert an zwei Interviews“

Sofia und ich unterhalten uns über die Bedeutung des Reisens für Bildungsprozesse. Dabei beziehen wir uns auf das Interview mit Anton* und mit Ashley*. Die Lebensgeschichte von Ashley haben wir bereits in dem Podcast Folge 123 analysiert. Also Theoriereferenzen benutzen wir Wilhelm von Humboldt und Waldenfels in der Lesart von Ruprecht Mattig und Leopold Klepacki und Jörg Zirfas.

Aufsätze der Autoren sind im Sammelband: “On the beaten Track. Zur Theorie der Bildungsreise im Zeitalter des Massentourismus” (J.B. Metzler 2022) erschienen. Besonders relevant ist für unsere Analyse der Begriff der Abständigkeit.

“Ästhetische Bildung erscheint in diesem Sinne als Eröffnen von kulturellen Abständen der Wahrnehmungen, um neue sinnliche Ressourcen zu entdecken. Ästhetische Identität erscheint in diesem Sinne eher als ein kultureller Dialog, ein sinnliches Kraftfeld, ein virtueller Explorationsraum, mithin als ein Medium, das in Aus-Einandersetzung bleibt. Wir können hier von einem abständigen Ich des Reisenden sprechen, das nie ganz bei sich oder auch nicht beim Anderen oder Fremden ist. Und die Kunst der Bildungsreise liegt schließlich dementsprechend darin, diesen Schwebezustand zu ermöglichen.” (ebd. S. 112) 

Ein Podcast zum Wohnen und Reisen Folge 42 ist mit Patrick Vetter enstanden

Zusammenfassung des Podcast-Gesprächs mit Sofia über die Bildungsbedeutung des Reisens – Folge 156 (GPT)

In dieser Folge thematisieren Tim und Sofia die Frage, wie sich Reiseerfahrungen auf Bildungsprozesse auswirken können. Grundlage der Analyse sind zwei narrative Interviews – mit Anton*, einem jungen Mann, der durch die Arbeit seiner Eltern im Ausland aufwuchs, und mit Ashley*, deren Kindheit von langen Aufenthalten in verschiedenen afrikanischen Ländern geprägt war. Ashley wurde bereits ausführlich in Folge 123 besprochen; die Analyse wird nun durch den Vergleich mit Antons Geschichte vertieft.

1. Theoretische Bezugspunkte

Zentrale Referenzen der Folge sind:

  • Wilhelm von Humboldt, der die Bildung als „höchste und proportionierlichste Ausbildung aller Kräfte zu einem Ganzen“ versteht – ermöglicht durch „regsame, mannigfaltige und freie Wechselwirkung mit der Welt“;

  • die Theorie der ästhetischen Abständigkeit nach Zirfas;

  • sowie Bernhard Waldenfels’ Konzept der Fremdheitserfahrung, insbesondere in der Lesart von Mattig und Klepacki (On the Beaten Track, J.B. Metzler, 2022).

In diesen Konzepten wird Bildung als ein ästhetisch-sinnlicher, weltbezogener, reflexiver und dialogischer Prozess gefasst. Der zentrale Begriff der Abständigkeit verweist auf eine Schwebehaltung zwischen Vertrautem und Fremdem, aus der heraus sich Bildungsprozesse entfalten können.


2. Interview mit Anton: „Reisen ohne Berührtheit“

Anton, 19 Jahre alt, lebte durch die Tätigkeit seiner Eltern im Auswärtigen Amt in verschiedenen Ländern (u. a. Istanbul, Hanoi, Shanghai). In der Retrospektive berichtet er jedoch wenig über Fremdheitserfahrungen oder Transformationen seines Selbst- oder Weltverhältnisses. Seine Zeit in Shanghai war stark durch eine deutschsprachige Schule geprägt, die kulturell wie institutionell an Deutschland angelehnt war. Kontakte zur lokalen Bevölkerung blieben aus, Freizeitaktivitäten fanden im schulischen Rahmen statt.

  • Emotion: Distanz, Routine, wenig Berührtheit.

  • Praxis: Schule, Fußball im deutschen Umfeld.

  • Theorie: Kaum Reflexion über Kultur, Sprache oder gesellschaftliche Unterschiede.

Eine einzige Szene – eine Reise in die Innere Mongolei, wo der Zugang beschränkt war und der Eindruck entstand, man solle nur „das Bild sehen, das China zeigen will“ – deutet auf eine Diskrepanzerfahrung hin. Hier äußert Anton erstmals Irritation und ein Gefühl der Inszenierung, was als ästhetische Abständigkeit gelesen werden kann. Dennoch bleibt die Resonanz auf diese Erfahrung gering.


3. Interview mit Ashley: „Fremdheit als Bildungsimpuls“

Im Kontrast dazu steht Ashleys Biografie: Sie wuchs in verschiedenen Ländern Afrikas auf, erlebte dabei strukturelle Armut, Ungleichheit, aber auch Gastfreundschaft und kulturelle Vielfalt. Diese Erfahrungen führten zu engagierten Haltungen gegen Rassismus, für Umweltschutz und Gerechtigkeit. Ashley reflektiert ihr Selbst- und Weltverhältnis explizit, auch mit Bezug auf westliche Vorannahmen und die koloniale Geschichte.

  • Emotion: Irritation, Faszination, moralischer Impuls.

  • Praxis: Politisches Engagement.

  • Theorie: Reflexion über globale Ungleichheit und eigene Privilegien.

Ashleys Bildungsprozess entspricht in hohem Maße dem, was Waldenfels als Fremdheitserfahrung beschreibt: Ein passives Widerfahren, das zur aktiven Selbstbefragung führt. Zugleich ist ihre Erzählung durchzogen von Momenten der Abständigkeit, die ein „abständiges Ich“ im Sinne Zirfas’ sichtbar werden lassen.


4. Vergleichende Analyse: Bildungsreise und ihre Bedingungen

Tim und Sofia diskutieren die Unterschiede im Bildungspotenzial von Reisen:

  • Anton erlebt zwar Ortswechsel, aber kaum Begegnung. Seine Erfahrung bleibt kulturell abgeschottet. Bildungsrelevante Prozesse im Sinne von Abständigkeit oder Fremdheit sind kaum erkennbar.

  • Ashley erlebt dagegen mehrfach Grenzüberschreitungen, Konfrontationen mit dem Anderen, moralische Ambivalenzen. Sie verarbeitet diese Erfahrungen reflexiv, wodurch eine Transformation des Selbst- und Weltverhältnisses sichtbar wird.

Reisen allein – so das Fazit – sind nicht per se bildend. Entscheidend ist die Art der Begegnung mit dem Fremden: ob sie zur Irritation führt, ob sie reflektiert wird, und ob sie Veränderungen in der Perspektive oder im Handeln bewirkt.


5. Bildung als Schwebezustand: Ästhetische Abständigkeit

Ein zentrales Ergebnis der Folge ist die Differenzierung zwischen Fremdheitserfahrung (Waldenfels) und ästhetischer Abständigkeit (Zirfas). Während Waldenfels’ Fremdheit eine existentielle Erschütterung meint, betont Zirfas die Möglichkeit einer spielerischen, reversiblen Reflexion. Diese Schwebe zwischen Nähe und Distanz, zwischen Aneignung und Andersheit, ist der Kern der ästhetischen Bildungsreise.

In Ashleys Erzählung lässt sich dieser Zwischenraum besonders deutlich ausmachen. Bei Anton hingegen bleibt er weitgehend unrealisiert, was nicht als Defizit, sondern als ein anderer Erfahrungsmodus zu begreifen ist.

Transformatorische Bildung – Folge 154 „Transformation und die Trias von Emotionen, Praxis und Theorie“ – vegetarische Bildung

Paula und ich unterhalten uns über das Interview FR214, in dem es um den Prozess geht, wie man eine veganer Ernährungsweise annimmt. Dieses beziehen wir auf die Trias von Zirfas  von Emotionen, Praxis und Theorie oder Herz, Hand und Kopf (aus der Pädagogische Anthropologie). Zum Schluss gehen wir nochmal die anthropologischen Kategorien von Körper, Soziales, Zeit, Raum, Kultur, Subjekt und Grenzen durch.

„Im Abendland finden sich anthropologische Überlegungen aber auch häufig um eine Trias zentriert, die über Jahrhunderte hinweg verschiedene Ausprägungen erfahren hat. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier einige bedeutsame Anthropologien benannt: Bei Platon ist die Rede vom Menschen als Integral von Vernunft (Lernbegierigem), Mut (Löwenartigem) und Begehren (Schlangenartigem), Thomas von Aquin begreift ihn durch Denken, Wollen und Fühlen, während für Jan Amos Comenius Vernunft (eruditio), Selbstbeherrschung und Zivilisierung (mores) sowie Ehrfurcht und Glaube (religio) den Menschen ausmachen. Bei Immanuel Kant wird die Anthropologie durch das Erkennen, die Moral und die Hoffnung konturiert, Johann Heinrich Pestalozzi fasst den Menschen durch Herz, Hand und Kopf und bei Sigmund Freud finden wir die Dreiheit von Es (Trieb), Ich (Handlung) und Über-Ich (Normen). Kurz: Der Mensch erscheint im Okzident (in zentralen Anthropologien) als animal rationale, animal sociale und animal emotionale – als vernünftiges, praktisches und emotionales Lebewesen.“ (Zirfas. Pädagogische Anthropologie, 164 ff.)

Die anthropologischen Kategorien werden auch im letzten Podcast thematisiert. Transformatorische Bildung – Folge 153 „Anthropologische Kategorien und transformatorische Bildung in Bezug auf Erfahrungen bei den Zeugen Jehovas“

Zusammenfassung des Podcast-Gesprächs mit Paula über das Interview FR214 – Folge 154 GPT

In dieser Folge analysieren Tim und Paula das Interview FR214, in dem die interviewte Person über den Prozess berichtet, wie sie Schritt für Schritt zu einer veganen Lebensweise gelangt ist. Der Fokus liegt nicht nur auf den praktischen Veränderungen, sondern vor allem auf der inneren Transformation, die diesen Wandel begleitet. Diese Entwicklung wird auf der Grundlage der Trias Emotion – Praxis – Theorie (Zirfas) sowie den anthropologischen Kategorien (Wulf/Zirfas) analysiert.

1. Theoretischer Hintergrund: Triadische Anthropologien

Tim beginnt mit einer kurzen Genealogie anthropologischer Trias-Strukturen im abendländischen Denken – von Platon über Comenius, Kant und Pestalozzi bis hin zu Freud. Diese Triaden sind Ausdruck des Versuchs, den Menschen ganzheitlich zu fassen – als ein Wesen, das denkend, fühlend und handelnd in die Welt tritt.

In Anlehnung an Zirfas wird diese Struktur im Podcast zugespitzt zur Trias:

  • Herz (Emotion),

  • Hand (Praxis),

  • Kopf (Theorie).

Diese drei Dimensionen sollen helfen, den Prozess der Umstellung auf eine vegane Lebensweise nicht lediglich als Ernährungsentscheidung, sondern als transformatorische Bewegung des Subjekts zu rekonstruieren.


2. Die Trias in der Erzählung der Interviewten

a) Emotion (Herz):

Die Wendung zur veganen Ernährung beginnt nicht mit theoretischer Überzeugung, sondern mit einer emotionalen Irritation. Die Interviewte schildert ein Schlüsselerlebnis: das Sehen von Bildern aus der Massentierhaltung. Diese erzeugen Abscheu, Trauer, Mitleid – eine affektive Verstörung, die das bisherige Weltverhältnis infrage stellt.

b) Praxis (Hand):

Auf diese emotionale Erschütterung folgt eine konkrete Veränderung im Alltag: Der Einkauf wird umgestellt, Rezepte werden ausprobiert, soziale Herausforderungen gemeistert. Die Interviewpartnerin spricht von ersten Schwierigkeiten, aber auch von Stolz, Selbstwirksamkeit und einem neuen körperlichen Wohlbefinden.

c) Theorie (Kopf):

Erst in einem späteren Schritt setzt eine theoretische Auseinandersetzung mit Tierethik, Ernährung, Umweltfragen und Systemkritik ein. Die Interviewte beginnt, Sachbücher zu lesen, Vorträge zu hören und sich aktiv zu informieren. Diese kognitive Durchdringung verankert die vorher gelebte Praxis in einem weltanschaulichen Zusammenhang.

Diese Bewegung – vom Gefühl über die Handlung zur Reflexion – bildet den zentralen Bildungsprozess im Sinne der transformatorischen Theorie.


3. Die anthropologischen Kategorien in der veganen Transformation

Im zweiten Teil des Gesprächs greifen Tim und Paula die sieben anthropologischen Kategorien auf, um die Breite und Tiefe des Transformationsprozesses der Interviewten herauszuarbeiten:

  • Körper: Der Körper wird neu erfahren – leichter, gesünder, zugleich auch verletzlicher gegenüber sozialen Angriffen. Körperlichkeit ist Medium der Veränderung.

  • Soziales: Konflikte mit dem Umfeld, Ausgrenzung, Rechtfertigungsdruck, aber auch neue Formen der Zugehörigkeit (z. B. vegane Gruppen, digitale Communities).

  • Zeit: Rückblick auf das „frühere Ich“, Übergangszeit mit innerem Ringen, Vorausschau auf eine nachhaltige Zukunft. Bildung zeigt sich als zeitlich strukturierte Bewegung.

  • Raum: Der Supermarkt wird neu gelesen, die Küche neu organisiert. Räume werden als kulturelle Felder neu belegt.

  • Kultur: Die Normen der Esskultur, das gemeinsame Essen, familiäre Rituale – all das wird irritiert und teilweise neu erfunden.

  • Subjekt: Die Interviewte beschreibt sich zunehmend als „verantwortlich“, „wach“, „handelnd“. Eine neue Subjektivität emergiert aus dem Vollzug ethischer Praxis.

  • Grenzen: Sowohl innere als auch äußere Grenzverschiebungen sind zentral – etwa die Grenze zwischen Mensch und Tier, zwischen Genießen und Leiden, zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit.


4. Bildung als kulturell situiertes Geschehen

Paula und Tim betonen, dass dieser Bildungsprozess nicht linear verläuft. Es handelt sich vielmehr um eine zirkuläre Bewegung: Emotionen rufen Praxis hervor, die wiederum Theorie erfordert, welche rückwirkt auf neue Emotionen. Diese Verschränkung ist ästhetisch, kulturell und leiblich fundiert – und kann als Beispiel einer ästhetisch-anthropologischen Bildungsbewegung gelesen werden.

Abschließend wird nochmals auf die Bedeutung der Triaden hingewiesen: Sie helfen, die Komplexität menschlicher Bildungsprozesse in ihrer Ganzheit sichtbar zu machen, ohne auf Reduktionismen zu verfallen.

Transformatorische Bildung – Folge 150 „Ist es nicht wichtig, dass meine Kinder eine schöne Zukunft haben?“ Anrufung und Klimakrise

Frederik und ich unterhalten uns über das Interview mit Sabine* (FR235). Sie ist bei „Fridays for Future“ aktiv und versucht, ihr Leben entsprechend zu gestalten.

Hier ist eine Szene der Anrufung: Bei meinen Eltern natürlich dann (.) die Standardkommentare von (.) du bist so unterernährt ääh weil du vegan bist, weil da kann man natürlich nicht normal Nährstoffe aufnehmen. Ähm auch so Sachen wie du kannst nicht auf Demos gehen, das is Quatsch äh das is gefährlich ääh vor allem in der Pandemie geht das nicht. Das bringt alles nichts, du setzt dich für falsche Sachen ein und äh sowas (.) also von meiner Familie aus jetzt.  (Z. 153 – 158)

Transformatorische Bildung – Folge 146 „Anrufung eines Menschen mit Essstörung“

Marie und ich unterhalten uns über ein narratives Interview (FR186), in dem die interviewte Personen Marie* ihren Weg aus einer Essstörung/Magersucht beschreibt. Als theoretische Grundlage dient uns das Konzept der Anrufung von Butler.

„Es stellt sich die Frage, ob Sprache uns verletzen könnte, wenn wir nicht in einem bestimmten Sinne »sprachliche Wesen« wären, die der Sprache bedürfen, um zu sein“ (Butler 2016, S. 9).
„Äm und die hat ganz klar zu mir gesagt (.) dein Gewicht, was du jetzt hast, ist eigentlich äm das Gewicht- du müsstest eigentlich in ne Klinik. Es ist viel zu wenig. Du bist viel zu ja äm (.) abgemagert? sozusagen. Ist irgendwie so ein doofes Wort (.) äm und äm (2) ja äm (.)“ (FR186, Z. 206-209).

Information und ein Beratungstelefon gibt es beim Bundesministerium für Gesundheit.

Einen weiteren Podcast von mir zu dem Thema Magersucht gibt es hier: Transformatorische Bildung – Folge 142 „Magersucht und die Wahrnehmung des eigenen Körpers“

Marie empfiehlt besonders folgenden Text von Koller und Rose zu Butler:

Rose, Nadine & Koller, Hans-Christoph (2012): Interpellation – Diskurs – Performativität. Sprachtheoretische Konzepte im Werk Judith Butlers und ihre bildungstheoretischen Implikationen. In: Ricken, Norbert & Balzer, Nicole (Hrsg.): Judith Butler: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer (S. 75-94).

Transformatorische Bildung – Folge 133 “Ich glaub, das war halt ein Wendepunkt … Veränderungen durch die Klimakrise“

Jana und ich unterhalten uns über Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit der Klimakrise. Wir besprechen das Interview mit Maria (FR291) und das Interview Ashley (KL004). Zu diesem Interview ist schon ein Podcast entstanden (Folge 123).

Siehe auch:

Folge 132 “Eine Erfahrung mit Zwangsumsiedlungen“
Folge 131 “Der unabwendbare Klimawandel?“
Folge 130 “Klimaverträgliche Lebensweisen”
Folge 123 “Von Afrika bis Europa” Erzählung der Klimakrise
Folge 121 “Habitustransformation am Beispiel eines Unverpacktladens“
Krise und Bildung – Folge 003 “Die imperiale Lebensweise”

Transformatorische Bildung – Folge 132 “Transformation und Klimakrise: Eine Erfahrung mit Zwangsumsiedlungen“

Im dieser Podcastfolge diskutiere ich mit Maria, inwieweit die Klimakrise sich auf das Leben der Gesellschaft in Deutschland auswirkt (Fr274). Im Fokus stehen Zwangsumsiedlungen als Folge der übermäßigen Nutzung des fossilen Energieträgers Kohle. Zur Diskussion ziehen wir das Interview mit „Paula“ heran, die sich in einer solchen Lage befand.

Siehe auch:
Folge 131 “Der unabwendbare Klimawandel?“
Folge 130 “Klimaverträgliche Lebensweisen”
Folge 123 “Von Afrika bis Europa” Erzählung der Klimakrise
Folge 121 “Habitustransformation am Beispiel eines Unverpacktladens“
Krise und Bildung – Folge 003 “Die imperiale Lebensweise”

Transformatorische Bildung – Folge 130 “Klimaverträgliche Lebensweisen”

Jeremias und ich unterhalten uns über seine Bachelorarbeit zum Thema: „Über die Anlässe aktiven Engagements hinsichtlich der Umsetzung von klimaverträglichen Lebensweisen„. (Publiziert über KUPS – Kölner UniversitätsPublikationsServer)

In seiner Bachelorarbeit beschreibt der Autor die gesellschaftlichen Herausforderungen des Klimawandels. Dabei stellt er die aktuell hoch relevante Frage, wann sich Subjekte verändern: „Wie ein solcher Transformationsprozess bei Individuen ausgelöst wird und welche Anlässe en Prozess initiieren, dieser Frage widmet sich diese Arbeit …” (S. 1–2)

Er analysiert die zentralen Veränderungen innerhalb der Theorie der transformatorischen Bildung. Dabei fokussiert er auf den Übergang von einem informationstheoretischen Ansatz zu einem stärker sprachwissenschaftlichen Ansatz, der die Analyse von Figuren des Welt- und Selbstverhältnisses in den Mittelpunkt stellt. Im Hintergrund steht dabei das Problem, dass allein eine kognitive Einsicht in eine Krise nicht zwangsläufig zu Veränderungen der Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster führt.

Im Kontrast zu Koller mit seiner Fokussierung auf Krisen stellt er dann die Theorie des spontanen Handelns nach Nohl vor, bei der der Auslöser für Bildungsprozesse weit weniger gravierend angelegt ist. Diese Rekonstruktionen unter Einbeziehung von Dewey sind durchweg gelungen. Der Abschnitt zu Bourdieu thematisiert die zentrale Frage nach der Möglichkeit von Habitustransformationen im Anschluss an Rosenberg.

Im analytischen Teil wertet der Autor drei narrative Interviews aus. Diese sind durchweg spannend und ertragreich. Besonders die Orientierung des methodischen Vorgehens nach Kuckartz ist sehr gut gelungen. Dies ermöglicht es ihm, am Ende die Frage nach dem Anlass von Bildungsprozessen herauszuarbeiten. Dieser ist, wie immer, wenn man sich mit Empirie beschäftigt, nicht eindeutig: „Hinsichtlich der Fragestellung, welche Anlässe Personen dazu bewegen, sich aktiv für Nachhaltigkeit und umweltbewusstes Handeln zu engagieren, lässt sich aus der Empirie zusammenfassend feststellen, dass vor allem unreflektierte und fast beiläufige spontane Handlungen einen solchen Bildungsprozess initiieren können. Nichtsdestotrotz zeigt sich, dass auch krisenhafte Erfahrungen, zumindest im Kontext von Relevanzverschiebungen, zu einem Bildungsprozess beitragen können.” (S. 32)

Die Arbeit enthält wichtige Anregungen. So bleibt die Frage nach dem Anlass von Transformationsprozessen weiterhin ungeklärt. Krisen können ein möglicher Motor für Veränderungen sein, aber es gibt darüber hinaus weitere Anlässe, die Bildungsprozesse einleiten können. Dies konnte in der Arbeit aufgezeigt werden. Die weitere Forschung an diesem Thema wird hier sicherlich noch vieles ans Tageslicht bringen. So stellt sich die Frage, ob neben Krisen nicht auch Identifikationen, Neugier, Anerkennung oder Verliebtheit zur Infragestellung der eigenen Identität führen kann.

Bis dahin kann jeder in die Arbeit reinschauen. Die Bachelorarbeit ist als Open Access auf dem Kölner UniversitätsPublikationsServer (KUPS) öffentlich einsehbar.

Als Literatur gehen wir ein auf:
Koller, Hans-Christoph (2018): Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Stuttgart: Kohlhammer.

und

Nohl, Arnd-Michael (2006). Bildung und Spontaneität – Phasen von Wandlungsprozessen in drei Lebensaltern. Opladen: Barbara Budrich.

Weiterer Podcast, in dem wir Interviews zur Klimakrise analysieren.
Folge 123 “Von Afrika bis Europa” – Erzählung der Klimakrise

Transformatorische Bildung – Folge 127 “Coronabewältigung bei Kindern und Jugendlichen”

Mimi und ich besprechen mögliche Strategien der Coronabewältigung bei Kindern und Jugendlichen.

Das positive Fazit lautet:
“So finden die Schüler*innen in allen vier Fällen einen produktiven Umgang mit der Situation, und zwar unabhängig von der ökonomischen Ausgangslage. Vielmehr scheint die soziale Situation vor allem in der Familie ausschlaggebend für den Umgang mit der Krise zu sein: Diese Unterstützung ist der Analyse unterzogen worden aufgrund der Annahme, bildungsferne Familien könnten ihren Kindern bei den Hausaufgaben nicht helfen und würden gar nachlässiger in der pandemischen Zeit verfahren – Nachlässigkeit, die in der soziologischen Forschung auf der Basis der ökonomischen und kulturellen Knappheit sowie des Migrationshintergrund unterstellt wird. Die Analyse zeigt bei den ökonomisch schwächeren und bildungsfernen Familien eine Konvertierung der Kapitalformen als Bewältigungsstrategie. Durch den Besitz von sozialem Kapital ist es den Eltern möglich, dieses Gut in kulturelles Kapital umzuwandeln, weil sie die Bereitschaft haben, selbst tätig zu werden und ältere Kinder oder Familienmitglieder bei der Unterstützung der Hausaufgaben von jüngeren Kindern einzubeziehen.” (Mehana, S. 42)

Transformatorische Bildung – Folge 125 “Erfahrungen in der Inklusion”

In diesem Podcast unterhalte ich mich mit Franziska über das Interview mit „Heiko“ zu den Erfahrungen in der Inklusion.