Transformatorische Bildung – Folge 174 „Kämpferisch-egalitäre Bildung: Go vegan!“

In der Podcastfolge spreche ich mit Sophie und Leni über das narrative Interview mit Luisa (FR468), einer 20-jährigen Biologiestudentin, die ihren Weg zur veganen Lebensweise rekonstruiert. Ausgangspunkt des Gesprächs ist eine anthropologische Rahmung des Essens und der Mensch-Tier-Beziehung. Essen erscheint dabei nicht als bloße Nahrungsaufnahme, sondern als leiblich, sozial und kulturell strukturierte Praxis: Über Kochen und gemeinsames Essen verknüpft sich der Mensch mit der Welt, mit anderen Menschen und mit normativen Ordnungen, die festlegen, was als „normal“, „gesund“ oder „richtig“ gilt. Zugleich ist die Frage nach den Tieren zentral, denn die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier ist historisch und kulturell variabel. Für die anthropologische Bildungsforschung ist entscheidend, wie diese Grenze im Interview figuriert wird – ob als starre Opposition oder als durchlässige Schwelle. Der Begriff der Mimesis nach Wulf ermöglicht hier ein präzises Verständnis: In nachahmenden und empathischen Bezugnahmen wird eine Relation zwischen den Spezies eröffnet, ohne die radikale Alterität des Tieres aufzuheben.

Diese anthropologischen Dimensionen sind unauflöslich mit Machtverhältnissen verschränkt. Mit Bourdieu wird der Habitus als inkorporiertes Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschema thematisiert, das Ernährungsweisen stabilisiert, aber auch transformierbar macht. Mit Butler rückt die Frage der Anrufung in den Fokus: Wie wird ein Subjekt als „vegan“ adressiert, welche affektiven Reaktionen löst dies aus, und wo eröffnen sich Möglichkeiten des Widerstands oder der resignifizierenden Wiederholung? Diese Perspektiven verbinden wir mit den vier Aspekten der anthropologischen Bildungsforschung: Transformation, der Trias von Emotion, Praxis und Theorie, den sieben anthropologischen Kategorien sowie Performativität und Normativität.

Ab etwa der Hälfte der Folge wenden wir uns der Analyse des Interviews zu. Luisas Biographie ist früh durch eine enge Beziehung zu Tieren und durch ein ernährungsbezogenes Wissen geprägt, das sie über ihre Mutter erwirbt. Sie beschreibt ihr Aufwachsen als Leben in einem „kleinen Zoo“, in dem Tiere als Mit-Lebewesen präsent sind. Zentrale Bildungsimpulse entstehen durch Übergänge: durch Reisen, in denen die vegane Praxis situativ brüchig wird, und durch den Umzug in die Großstadt zum Studium, der neue soziale und räumliche Möglichkeitsbedingungen eröffnet. Die Veränderung des Welt-Selbst-Verhältnisses vollzieht sich dabei sichtbar entlang veränderter Räume.

Im Gespräch wird deutlich, dass Anrufungen – familiäre Kommentare, soziale Erwartungen, politische Diskurse – zwar präsent sind, jedoch selten explizit resignifiziert werden. Stattdessen lässt sich die Ernährungspraxis selbst als ein resignifizierender Prozess lesen: das stille Vorleben einer anderen Ordnung, das Gewohnheiten irritiert, ohne sich in permanenter Konfrontation zu erschöpfen. In diesem Sinne diskutieren wir eine mögliche Habitustransformation, die sich vor allem in der ethisch-politischen Dimension verdichtet. Ästhetische Momente treten eher beiläufig auf, etwa in der Freude am Kochen und am geteilten Essen.

Zum Schluss rücken die Bildungsfigurationen in den Vordergrund. Wenn Luisa ihr Interview mit dem Imperativ „Go vegan“ beschließt, verdichtet sich darin eine Haltung, die Gleichwertigkeit von Mensch und Tier behauptet und zugleich zu Praxis auffordert. Zusammengenommen lässt sich diese Haltung als kämpferisch-egalitäre Bildung beschreiben: eine Bildung, die aus leiblicher Empathie hervorgeht, sich in alltäglichen Praktiken stabilisiert und im Politischen ihre normative Schärfe gewinnt.

Damit ist das Interview ein Beispiel für einen biozentrischen Bildungsprozess: „9. Wenn Bildung – etwa mit Humboldt – als eine Wechselwirkung von Selbst und Welt gedacht werden muss, dann lässt sich diese Erweiterung als eine Infragestellung der anthropozentrischen hin zu einer biozentrischen Bildungstheorie verstehen. In einer normativen Perspektive geht es dann um einen Bildungsbegriff, der einem deskriptiven biozentrischen Bildungsbegriff gerecht wird: Wenn es Sinn macht, Bildung nicht nur auf den Menschen, sondern auch und gleichermaßen auf seine soziale wie natürliche Umwelt zu beziehen, dann rücken die normativen Ansprüche dieser Umwelt in den Bildungsbegriff ein. Wenn Bildung also nicht mehr schwerpunktmäßig auf den Menschen bzw. das Individuum bezogen wird – eine Schwerpunktsetzung, die an der Geschichte
des Bildungsbegriffs mühelos ablesbar ist (vgl. Benner/Brüggen 2004) –, dann werden nicht nur die individuellen Transformationen des Habitus, sondern auch die Transformationen des Sozialen und der Natur bedeutsam. Bildung wird erweitert zu einem Begriff, der ein freies Wechselspiel zwischen sich, den anderen und der Natur ermöglicht: Eine biozentrische Bildungstheorie fordert (wechselseitige, resonante)Entwicklungsmöglichkeiten für Individuen, Gemeinschaften und für die Natur. Insofern müsste eine anthropologische Bildungsforschung die neuen posthumanistischen und ökologischen Forschungen (vgl. Braidotti 2014; Pelluchon 2023), die auf die Vernetzungen von Mensch und Welt aufmerksam machen, aufgreifen und methodologisch wie methodisch in die Bildungsforschung integrieren. Diese Aufgabe geht weit über die vorliegenden Untersuchungen hinaus.“ (Schmidt et al. 2026, S. 250)

Transformatorische Bildung – Folge 127 “Coronabewältigung bei Kindern und Jugendlichen”

Mimi und ich besprechen mögliche Strategien der Coronabewältigung bei Kindern und Jugendlichen.

Das positive Fazit lautet:
“So finden die Schüler*innen in allen vier Fällen einen produktiven Umgang mit der Situation, und zwar unabhängig von der ökonomischen Ausgangslage. Vielmehr scheint die soziale Situation vor allem in der Familie ausschlaggebend für den Umgang mit der Krise zu sein: Diese Unterstützung ist der Analyse unterzogen worden aufgrund der Annahme, bildungsferne Familien könnten ihren Kindern bei den Hausaufgaben nicht helfen und würden gar nachlässiger in der pandemischen Zeit verfahren – Nachlässigkeit, die in der soziologischen Forschung auf der Basis der ökonomischen und kulturellen Knappheit sowie des Migrationshintergrund unterstellt wird. Die Analyse zeigt bei den ökonomisch schwächeren und bildungsfernen Familien eine Konvertierung der Kapitalformen als Bewältigungsstrategie. Durch den Besitz von sozialem Kapital ist es den Eltern möglich, dieses Gut in kulturelles Kapital umzuwandeln, weil sie die Bereitschaft haben, selbst tätig zu werden und ältere Kinder oder Familienmitglieder bei der Unterstützung der Hausaufgaben von jüngeren Kindern einzubeziehen.” (Mehana, S. 42)

Transformatorische Bildung – Folge 121 “Habitustransformation am Beispiel eines Unverpacktladens“

Nane und ich unterhalten uns über ein narratives Interview (KL003) einer Personen, die mehrere Unverpacktläden  eröffnet hat. Wir gehen dabei auf das Konzept des Habitus nach Bourdieu ein.

Die Antwort auf die Quizfrage findet ihr im Konzept Vision Köln 2030 im Kapitel „Lage in Köln“

Transformatorische Bildung – Folge 51 „Der Habitus- und Bildungsbegriff“

Im Gespräch mit Angelina unterhalte ich mich über den Habitus- und Bildungsbegriff – diskutiert an narrativen Interviews von Flüchtlingen (FR057) (FR064). Zum Interview mit Sadio, bezogen auf die Theorie von Humboldt, gibt es bereits einen Podcast.

Transformatorische Bildung – Folge 40 “Habitustransformation im Internet”

Im Gespräch mit Jun.-Prof. Dr. Patrick Bettinger von der Universität zu Köln unterhalte ich mich über sein Buch: Praxeologische Medienbildung. Theoretische und empirische Perspektiven auf sozio-mediale Habitustransformationen. Wiesbaden: Springer VS (Der Zugang ist für Studierende der Universität zu Köln über die Bibliothek möglich.)

Transformatorische Bildung – Folge 34 “Transformation oder Veränderung des Habitus”

Im Gespräch mit Volkan unterhalten wir uns über die beiden Interviews von Yunus (FR055) und Hakan.

Literatur

Koller, Hans-Christoph / Wolfgang Gereon (Hg.): Lebensgeschichte als Bildungsprozess? Perspektiven bildungstheoretischer Biographieforschung. Transcript Verlag. Bielefeld, 2014.

Transformatorische Bildung – Folge 31 “Bildung und Habitus im Interview mit Jala”

Im Gespräch mit Friederike besprechen wir das Interview mit Jala (FR038)

Literatur

Scherschel, Karin: Rassismus als flexible symbolische Ressource Eine Studie über rassistische Argumentationsfiguren. transcript, Bielefeld. 2015

Transformatorische Bildung – Folge 021 “Hybride Identität und dritter Raum”

Ein Gespräch mit Malte zum Thema hybride Identität bezogen auf das Interview Binh Nguyen (FR034)

Literatur (Open Access)
Hein Kerstin: Hybride Identitäten Bastelbiografien im Spannungsverhältnis zwischen Lateinamerika und Europa. transcript, Bielefeld. 2015
Scherschel, Karin: Rassismus als flexible symbolische Ressource Eine Studie über rassistische Argumentationsfiguren. transcript, Bielefeld. 2015

Reckwitz, Andreas: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne Weilerswist 2006: Velbrück Wissenschaft

Transformatorische Bildung – Folge 004 “Bildung, Anrufung, Habitus und Etikettierungsansatz / Selda-Interview Teil 2”

Der zweite Podcast zum Selda-Interview FR040.

Transformatorische Bildung – Folge 001 „Bildung und Habitus“

Ein Gespräch zwischen  Mimoza und mir zum Thema „Transformatorische Bildung.“ Das Mesut-Interview (FR028)

Ein kurzes Auszug aus dem Interview:

„Eine Geschichte lässt mich seit dem nicht los: wir haben eines Tages Fußball gespielt, wir und die Kinder und wir wurden oft von anderen Leuten ,äh, aus dem Dorf und aus der Umgebung angefeindet. Die kamen dann halt, ham da in ner Gegend rumgelungert und da Alkohol getrunken und ham rumgepöbelt gegen uns, während wir da am Zaun gespielt haben. Die waren aber auf der anderen Seite vom Zaun. Da ham wir halt Fußballgespielt, wir Kinder, und den Fußball gegen den Zaun getreten und ja. Eines Tages kam‘ die dann halt und haben uns angepöbelt und und ham da so Bierflaschen rüber geworfen und keinen von uns getroffen, einfach nur so und das die uns halt bisschen Angst machen und so, en bisschen rumpöbeln. Ihr kennt das ja wahrscheinlich, wenn Leute betrunken sind und en bisschen rumpöbeln. Die haben uns auch nicht körperlich weh getan, aber die haben halt rumgepöbelt. Und dann ham unsere Eltern und die Verwaltung vom Asylheim, haben dann halt die Polizei gerufen, äh weil die hätten ja zu Schaden kommen können. Dann kam die Polizei, äh, hat mit uns geredet. Hat mit denen ,äh, die warn halt noch da, die sind nicht weg gegangen, die hatten keine Angst. Die waren dann weiter weg ,dann und dann kamen die wieder zu uns und meinten zu uns, wir sollen nicht mehr so nah am Zaun spielen. Und die anderen die halt rumgepöbelt haben und die Flaschen geworfen haben, obwohl wir noch die Flaschen gezeigt haben äh und so weiter, haben nicht mal ‚ ‘n Platzverweis bekommen. Und für ‘n Platzverweis musst du eigentlich nicht mal viel machen, den die Polizisten erteilen und da hat man schon vorgelebt bekommen, was man halt, ja, das wir den Fehler gemacht haben. Und so, als vier/ fünf sechs Jähriger, weiß man nicht wie man da reagieren soll. Wenn ich da Fußball spiele und dann jemand uns, uns was antut und wir die Polizei rufen und die Polizei sagt: Wir ham den Fehler gemacht, wir solln nicht mehr dort spielen /atmet tief ein/ , dass sind so Sachen, was ich da nicht realisieren konnte, aber mh, wenn mir heute sowas begegnet, dann ist das natürlich hochgradig ,ähm, auch rassistisch. Weil das war ja auch nur, weil wir weil wir Ausländer waren und auch aus Bequemlichkeit hat die Polizei uns dann weg gescheucht, wollte nicht mehr, dass wir dort spielen. Und natürlich weiß ich auch, dass es heute anders ist. Das es früher ein bisschen anders war als jetzt.

Heutzutage würde das glaube ich nicht mehr so passieren. Heutzutage sind die Leute bisschen aufgeklärter und en bisschen mh aufnahmebereiter, was ich hier mitbekommen hab. Die Leute verschließen ihre Augen nicht mehr, aber auch nicht überall. Halt teilweise. (mh)“

144 Irgendwann hab ich dann den Hauptschulabschluss gemacht, /zieht die Luft ein/ und das ist mir so
145 einfach gefallen, dass ich dachte,(.) ich mach auch den Realschulabschluss und irgendwann hatte ich,
146 ist mir das auch sehr einfach gefallen, ich hatte den Hauptschulabschluss auch mit 1,0 geschrieben,
147 den Realschulabschluss mit 1,0 geschrieben und Abitur hab ich nicht mit 1,0 geschafft. /schmunzelt/
148 Ich weiß gar nicht mehr, 1,8 oder so, also bisschen besser als 2,0. Und /räusper/ mhmm jaa, was mich
149 dazu gebracht hat, war mhm, das war auf der Hauptschule, da hatten wir son kleinen Wettbewerb,
150 mhmm und der Gewinner hat dann halt son ähh son 10 Euro mhm ähh Bücher-Gutschein bekommen,
151 für son Bücherladen hier in der Stadt in T* bei uns. Und ich, ich weiß gar nicht mehr, was der
152 Wettbewerb war, aber irgendwie hab ich gewonnen und ich hab diesen Büchergutschein bekommen.
153 Und damals war ich halt noch so: „Bücher, kein Plan, was soll das?(.), will ich nicht.“
154 Bin ich halt zu dem Bücherladen und meinte: „Hey, ich hab n Büchergutschein, kann ich das in die 10
155 Euro umwechseln?“ Und der meinte zu mir: „Nein, ich muss was kaufen“. Dann meinte ich zu ihm:
156 „Mhmm, wenn ich was für 1 Euro kaufe, bekomme ich dann die restlichen neun? (?) /lacht/ Und der
157 wusste schon worauf ich hinausmöchte und meinte:“Nein, du musst mindestens ein Buch für
158 mindestens 7-8 Euro kaufen. (.)Mhm,dann bin ich da halt da so rumgelaufen und äh, dann hab ich halt
159 ein Buch gefunden, das hieß „Fermats letzter Satz“ uund das hat, glaube ich, nur 7 Euro gekostet,
160 deswegen hab ich das Buch gekauft, damit ich die restlichen 3 Euro bekomme, und das hab ich dann
161 halt mit nach Hause genommen, hab das angefang zu lesen, aus Langeweile, ich wusste ni (.) ich hatte
162 da nichts zu tun und das, das hat mich dann son bisschen auf die richtige Bahn gebracht, hat mich
163 interessiert, mir die Augen geöffnet, das hat mir (.) ja ich, ich kanns gar nicht beschreiben. Das hat mir
164 so die Liebe zur Mathematik gebracht, zur Logik, das ich logische Sachen gerne sehe, dass ich gerne
165 Strukturen seh? Joa und seitdem fiel mir alles einfach, weil ich Sachen(.) schneller durchblickt habt.
166 I: (mhmmm..)
167 M: Ich kann schon sagen, dank dem Buch. Das Buch hat /zieht Luft ein/ das Buch hat mir sehr gefallen,
168 ist bis heute mein Lieblingsbuch, ich habs mehrmals gelesen und (.) jedem zu empfehlen.

Literatur

Rosenberg, Florian von: Bildung und Habitustransformation. Empirische Rekonstruktionen und bildungstheoretische Reflexionen. Bielefeld: Transcript, 2011

Koller, Hans-Christoph: Bildung anders denken: Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Kohlhammer 2011