Transformatorische Bildung – Folge 171 „Der Elementarschutz und die Zigarettenstummel. Umgang mit der Flutkatastrophe in NRW“


In dieser Folge spreche ich mit Mara über zwei sehr unterschiedliche Weisen, auf eine Katastrophe zu antworten – und darüber, was wir aus diesen Kontrasten für eine anthropologische Bildungsforschung lernen können. Der erste Teil der Episode folgt noch einmal der klassischen Struktur unseres Ansatzes: Wir diskutieren die vier Dimensionen – die transformatorische Perspektive mit Bezug auf Bernhard Waldenfels, die Trias von Emotion, Praxis und Theorie (Zirfas 2021), die sieben anthropologischen Kategorien nach Wulf und Zirfas, sowie Performativität und Normativität als grundlegende Formen menschlicher Selbst- und Weltgestaltung. In dieser theoretischen Rahmung bewegen wir uns dann in die empirische Analyse hinein.

Im Zentrum steht zunächst das Interview mit Peter (FR480). Wir gehen der Frage nach, ob es in seinem Erleben der Flutkatastrophe 2021 zu einem transformatorischen Bildungsprozess gekommen ist. Die Antwort darauf fällt – überraschend und zugleich aufschlussreich – verneinend aus. Peters Erzählung zeichnet sich durch eine konsequente Rationalisierung aus: Er überspringt nahezu alle emotionalen Regungen, geht unmittelbar in die Praxis des Bewältigens über, ordnet, strukturiert, organisiert. Nichts wird zu schwer, nichts zu groß; vielmehr erscheint alles als technische Aufgabe, die gelöst werden kann. Die Katastrophe wird nicht zum Bruch im Welt- und Selbstverhältnis, sondern zur Störung, die es möglichst effizient zu beheben gilt. Bildung im emphatischen Sinn – als Irritation, die eine Neuordnung verlangt – bleibt hier aus. Stattdessen begegnet uns eine Figur des Elementarschutzes: eine im Wortsinn technische Verteidigungslinie, die sowohl das Haus als auch das eigene Selbst vor dem Eindringen des Fremden zu bewahren scheint.

Im zweiten Schritt vergleichen wir Peter mit Pattie (FR277), deren Interview wir im Buch Katastrophenbildung. Entwurf einer anthropologischen Bildungsforschung ausführlich analysiert haben. Bei ihr verdichtet sich das Erleben der Flut in einer anderen symbolischen Geste: dem Sammeln der Zigarettenstummel. Diese Handlung erscheint zunächst unscheinbar, fast banal; doch gerade darin liegt ihre Kraft. Während Peter die Katastrophe durch Rationalität neutralisiert, erzeugt Pattie eine Mikro-Ordnung im Chaos, eine minimale, beinahe zärtliche Form der Wiederaneignung der Welt. Die Zigarettenstummel werden zu Indikatoren eines beschädigten Alltags, zu Spuren des zerstörten Raumes, zu Zeichen einer Umwelt, die neu gelesen werden muss. Im Vergleich dieser beiden Figuren – Elementarschutz und Zigarettenstummel – zeigt sich, wie unterschiedlich Menschen auf die Überforderungssituation einer Flut reagieren: technisch und abwehrend oder suchend und tastend; stabilisierend oder irritierbar; ordnend oder sensibilisierend.

Im abschließenden Teil diskutieren wir die Frage, ob Katastrophen überhaupt Bildungsprozesse ermöglichen oder ob das Wiederfahrnis die Bildung eher verhindert. Dabei zeichnen sich zwei Hypothesen ab. Erstens: Unmittelbar nach dem Ereignis dominiert häufig der Impuls, das „Normale“ wiederherzustellen. Diese Rückkehrbewegung – die fast schon eine anti-transformative Dynamik entfaltet – verweist darauf, dass Bildung Zeit, Freiraum und ein Mindestmaß an Sicherheit braucht. Zweitens: Sobald das Ereignis problematisiert wird, können solidarische Praktiken ins Wanken geraten. Die kollektive Energie der ersten Tage, das „Wir schaffen das zusammen“, droht zu erlahmen, wenn strukturelle Fragen sichtbar werden – etwa die politische Verantwortlichkeit oder die langfristigen ökologischen Bedingungen der Katastrophe.

Diese Überlegungen führen schließlich zu einem zentralen Punkt unserer Diskussion: Starke Katastrophen erzeugen nicht automatisch starke Reaktionen. Sie können auch Passivität, Verdrängung oder eine Art funktionale Erstarrung hervorbringen. Für die Auseinandersetzung mit der Klimakatastrophe bedeutet dies, dass wir nicht darauf hoffen dürfen, dass extreme Ereignisse „von selbst“ zu Bewusstseinswandel und politischem Handeln führen. Manche Menschen, wie Peter, schützen sich vor dem Fremden, indem sie es technisch neutralisieren. Andere, wie Pattie, lassen sich irritieren und finden neue Formen des Weltbezugs.

Zum Interview mit Pattie ist bereits eine Podcastfolge entstanden: Folge 138 „Fremdheit im Angesicht einer Flutkatastrophe“

In unserem Buch Katastrophenbildung (Schmidt et a. 2026) schreiben wir in Bezug auf das Interview mit Pattie: „Hier ließe sich fragen: Braucht es dazu neue Bilder, die nicht die Rückkehr in die idyllische Vergangenheit, sondern den Aufbruch in eine neue Zukunft avisieren? Vollständiger erschiene uns jedenfalls ein Bildungsprozess, in dem es nicht nur zu einer theoretischen Einordnung, sondern auch zu einer emotionalen Begeisterung für eine (gemeinsame) Zukunft gäbe, für die man dann kollektiv praktisch wird (vgl. Butler 2018). Allerdings scheint die leibliche und psychische Erschütterung ein halbes Jahr nach der Katastrophe noch zu „frisch“ zu sein, um eine gemeinsame zukunftsweisende Phantasie in die Praxis umsetzen zu können. Wenn es zentral erst einmal darum geht, die Trümmer zu beseitigen, kann eine neue kollektive Idee und Praxis wohl noch nicht entstehen, muss Politisches aus der Aktualität herausgehalten werden, um den Zusammenhalt des Aufräumens nicht zu gefährden. Bedeutsam erscheint uns hier der Gedanke, dass die (individuelle und kollektive) Erfahrung (der Katastrophe) nicht hinreichend für den Bildungsprozess erscheinen könnte, sondern wohl ergänzt werden muss um eine emotional-motivierende Zukunftsphantasie und eine ihr korrespondierende Praxis.“ (ebd., S. 63)

 

Transformatorische Bildung – Folge 170 „Selbstbewusste und selbstdisziplinierte Bildung. Der Weg zur veganen Ernährung.“

 

Im Podcastgespräch mit Emilie, das auf dem Interview mit Bettina (FR467) basiert, entfaltet sich ein dichtes, vielschichtiges Nachdenken über Ernährung als Bildungsphänomen. Die Folge beginnt mit einer grundsätzlichen anthropologischen Perspektive auf Nahrung: Essen erscheint nicht lediglich als biologische Notwendigkeit, sondern als jenes elementare Medium, durch das sich der Mensch mit der Welt verbindet – leiblich, sozial und kulturell. Entlang der einschlägigen Überlegungen der pädagogischen Anthropologie wird herausgearbeitet, dass im Akt des Essens die Natur des Körpers, die soziale Dimension der Gabe und die kulturelle Ordnung der Tischgemeinschaft ineinandergreifen. Nahrung wird so zum Ort, an dem sich Selbst-, Welt- und Fremdverhältnisse verdichten; sie bildet eine Schnittstelle, an der sich sowohl die Abhängigkeit als auch die Gestaltungsfähigkeit des Menschen zeigen. Diese Perspektive schließt direkt an die anthropologische Lektüre an, wie sie in der Hausarbeit angelegt ist: Essen ist ein Transformationsgeschehen, das den Menschen auf körperlicher Ebene umbildet, ihn in soziale Gefüge einbindet und zugleich kulturelle Bedeutungen verankert. 

Vor diesem Hintergrund richtet der Podcast den Blick auf die vier zentralen Aspekte der anthropologischen Bildungsforschung: Transformation, Trias, Kategorien sowie Performativität und Normativität. Besonders deutlich wird, wie stark der Bildungsprozess, den Bettina durchläuft, in der Spannung von Körperlichkeit, Anerkennung und moralischer Orientierung steht. Die Trias – Emotion, Praxis, Theorie – manifestiert sich in ihrem Erzählfluss in geradezu exemplarischer Weise. Ausgangspunkt bildet ein affektiver Impuls: der Wunsch nach einem gesünderen, schlankeren Körper, verbunden mit kulturell verankerten Schlankheitsnormen und Diäterfahrungen. Diese emotionalen Dispositionen werden durch soziale Einflüsse verstärkt: Familienmitglieder, Freund:innen, digitale Gemeinschaften, Trendkulturen wie der Veganuary – all dies strukturiert jene Erfahrungsräume, in denen Bettina ihre Ernährungspraxis zunehmend neu formt. Die Phase des praktischen Ausprobierens – vegetarisch, dann vegan, und zunächst getragen von Neugier und Körpergefühl – geht in eine vertiefte theoretische Auseinandersetzung über, die sich mit Tierwohl, Massentierhaltung und ethischer Verantwortung beschäftigt. Die Hausarbeit zeigt hier eindrücklich, wie sprachliche Mittel – besonders die zahlreichen singulären Inferenzen im Rückblick („rückblickend“, „im Nachhinein“) – als Marker reflexiver Distanzierung fungieren und das veränderte Selbst- und Weltverhältnis performativ sichtbar machen.

Ubiquitäre Inferenzen zeichnen sich dadurch aus, dass die Sätze und die damit einhergehenden Deutungskontexte nicht aufeinander bezogen sind, sondern additiv aneinandergereiht sind. Dabei sind ubiquitären Inferenzen der Normalfall, indem Sätze in einem Interview z. B. mit dem Wort „und“ verbunden werden oder sich verknüpfen lassen. Dem wird die singuläre Inferenz entgegengesetzt. „Die andere Disposition nenne ich die Disposition singulärer Inferenz. Sie ist die Bereitschaft, eine Information dadurch zu verarbeiten, daß aus der Vielzahl möglicher Deutungskontexte ein bestimmter – ein singulärer – herausgehoben und ins spannungsreiche Verhältnis gesetzt wird“ (ebd., S. 22). Die typische Textform für eine singuläre Inferenz wäre die Argumentation, in der verschiedene Kontexte dargestellt und gegeneinander abgewogen werden. (Schmidt et al. 2026, S. 30 in Bezug auf Rainer Kokemohr) 

Im weiteren Verlauf des Podcasts werden die anthropologischen Kategorien als analytische Linse genutzt: Der Körper steht als Resonanzraum der Transformation im Zentrum – als Ort des Begehrens, der Wahrnehmung, der Gesundheit und der Selbstformung. Das Soziale tritt sowohl als Ermöglichungs- wie als Konfliktfeld hervor: Der Vater als skeptische Figur, die Mutter und der Bruder als bestärkende Instanzen, das digitale Umfeld als Raum moralischer Orientierung. Die Kategorien von Kultur und Subjekt werden in Bettinas Erzählung dort greifbar, wo Geschmacksästehtik, Trendbewegungen und Sinnfragen ineinanderfließen. Schließlich wird sichtbar, wie sie in performativen Akten – ihrem alltäglichen Handeln, ihrem Vorleben gegenüber anderen, der Auswahl von Lebensmitteln – eine normative Selbstvergewisserung vollzieht, die weder dogmatisch noch defizitär ist, sondern eine souveräne, in sich ruhende Haltung ausdrückt.

Zum Abschluss thematisieren Emilie und ich die entstehende Bildungsfiguration. Aus dem biographischen Material lässt sich eine Figur herausarbeiten, die als selbstbewusste und selbstdisziplinierte Bildung beschrieben werden kann.

Bildungsfigurationen: Wir möchten mithin in diesem Abschnitt plausibel machen, dass sich die in unseren Interviews zeigenden sechs Bildungsprozesse in Bildern, Vorstellungen, Figuren, Konstellation oder Figurationen verdichten lassen, die für die Beteiligten – bewusst oder unbewusst – eine orientierende Funktion haben (vgl. Ode 2022).80 Dabei greifen wir noch einmal auf die Fokussierungen von Bildung zurück, die wir am Ende der einzelnen Kapitel entwickelt haben. Und wir stellen dabei fest, dass die leitenden Bilder der Bildung auf ein in der Regel altes Bildmaterial zurückgreifen, das sie aber in auffälliger Weise verändern. (Schmidt et al. 2026, S. 260-261)

(Nach dem Gespräch kam mir der Gedanke, dass man vielleicht von selbstbestimmter Bildung sprechen kann. Vielleicht trifft es die Formulierung besser.)

Bettinas Weg ist geprägt von einer stetigen, reflexiven Arbeit an sich selbst, von einem anspruchsvollen Verhältnis zwischen Lust und Disziplin, Neugier und moralischer Strenge, sozialer Einbettung und individueller Entscheidung. Sie bildet sich im Spannungsfeld von Körper, Moral und Gemeinschaft – und gestaltet eine Form des veganen Lebens, die weder asketisch noch belehrend wirkt, sondern als Ausdruck einer gereiften Selbstpositionierung erscheint. Damit wird die Folge zu einem eindrücklichen Beispiel dafür, wie Ernährungsentscheidungen biographische, soziale und kulturelle Tiefendimensionen miteinander verweben und wie Ernährung im Sinne einer anthropologischen Bildungsforschung als Ort fundamentaler Welt- und Selbstveränderung verstanden werden kann.

Literatur

Tim Schmidt, Moritz Krebs, Timur Rader, Liesa Schamel, Birgit Schulz & Jörg Zirfas (2026): Katastrophenbildung. Entwurf einer anthropologischen Bildungsforschung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa

 

Transformatorische Bildung – Folge 169 „Der Habitus der vegetarischen Ernährung“

In der Folge unterhalten sich Paul und ich über die Bedeutung des Habitus für die vegetarische Bildung anhand von zwei Interviews mit Leon (FR478) und Lisa (FR214). Ausgehend von Pauls Hausarbeit entfaltet sich ein Gespräch, das die Verschiebungen des Welt- und Selbstverhältnisses nachzeichnet, die mit der Entscheidung für eine vegetarische oder vegane Lebensweise einhergehen. Wir rekonstruieren zunächst die biographischen Hintergründe der beiden Erzähler: Leons behutsame Wandlung, die sich aus einer einzelnen Konfrontation ergab und in ein sozial gestütztes ökologisches Engagement mündete, sowie Lisas deutlich tiefer greifende Transformation, die sie aus den engen Strukturen ihres Elternhauses herausführte.

Im Gespräch erläutern wir, wie Bourdieu den Habitus als körperlich eingeschriebene Praxisform denkt und weshalb Veränderungen dort nur gegen Widerstände möglich sind. Paul zeigt, wie beide Interviews exemplarisch verdeutlichen, dass Irritationen – etwa durch eine Tierdokumentation oder den biographischen Bruch eines Auslandsaufenthalts – jene Krisen erzeugen, aus denen Bildung hervorgeht. Wir diskutieren Rosenbergs Modell der Habitustransformation durchläuft, die mehrere Logiken der Praxis umfasst.

Zugleich betonen wir die anthropologischen Dimensionen: die Rolle von Sozialität, Raum, Zeit und Grenzen bei der Ausgestaltung des neuen Lebensstils, aber auch das Spannungsverhältnis zwischen familiärer Prägung, eigenem Begehren und sozialer Anerkennung. Dadurch entsteht ein dichtes Bild davon, was vegetarische Bildung bedeutet: ein Ringen um neue Routinen, Konflikte und Freiheiten, in denen sich Menschen – oft tastend, manchmal abrupt – neu verorten.

Transformatorische Bildung – Folge 168 „Die positive Katastrophe der Geburt“

In dieser Podcastfolge mit Klara und mir widmen wir uns einem außergewöhnlichen Fall biografischer Bildung (FR470)– der unbemerkten Schwangerschaft einer Frau, die erst wenige Minuten vor der Geburt erfährt, dass sie Mutter wird. Das Interview, das dieser Folge zugrunde liegt, ist so eindrücklich wie philosophisch herausfordernd: Es erzählt von Kontrollverlust, Überforderung und Angst – aber auch von einer zutiefst menschlichen Neuorientierung, in der aus dem Schock ein neues Verhältnis zur Welt entsteht. Die Geburt wird hier zur „positiven Katastrophe“: ein Zusammenbruch alter Gewissheiten, der zugleich den Beginn eines anderen Selbst markiert.


Anna*, 37 Jahre alt, erfährt erst wenige Minuten vor der Geburt ihres Sohnes Anton, dass sie schwanger ist – ein Ereignis, das sie als „positive Katastrophe“ beschreibt. Aus der anfänglichen Überforderung, Angst und Orientierungslosigkeit entsteht schrittweise ein neuer Lebensentwurf, in dem Fürsorge, Verantwortung und Intuition zentrale Rollen spielen. Sie erlebt, wie sich familiäre und freundschaftliche Beziehungen teils auflösen, teils vertiefen, und wie sie in solidarischen Strukturen – etwa durch Kolleg:innen – neue Formen von Gemeinschaft erfährt. Im Umgang mit Ärzten und Behörden entwickelt sie Selbstbewusstsein und Kritikfähigkeit, lernt, Grenzen zu setzen und Hilfe anzunehmen. Am Ende steht eine gereifte Haltung, in der sie Dankbarkeit als Form von Freiheit erkennt: das Wissen, dass nicht Kontrolle, sondern Beziehung den Kern ihres neuen Lebens bildet.

„Der Begriff der Katastrophe (griechisch für Wendung, Umsturz) gehört in den
Bereich der Dramaturgie und insbesondere der Tragödie, in der sie den entscheidenden Wendepunkt bezeichnet, der in der Regel als Abschluss einer Handlung eine Lösung herbeiführt und das Schicksal des Helden – zum Guten (Auflösung einer komödiantischen Verwicklung) und zum Schlimmen (etwa im tragischen Untergang) – besiegelt. Dazu schreibt Michael Sonntag (2003, S. 22): „Das Präfix kata, ‚herab‘ oder ‚über etwas hin, um etwas herum‘, hat auch die Bedeutung von ‚gänzlich, umfassend‘, wie in ‚katholisch‘. Stre-phein bezeichnet ein aktives, mehr oder weniger plötzliches ‚ Wenden“‘. Die Katastrophe ergibt sich in einer Art innerer Notwendigkeit aus äußeren Ereignissen, göttlichen oder weltlichen Mächten und den charakterlichen Eigenschaften der handelnden Personen. Seit dem 18. Jahrhundert wird der Begriff der Katastrophe immer stärker auf nicht-theatrale Zusammenhänge bezogen, auf sogenannte ‚Naturkatastrophen‘ oder auf menschengemachte Katastrophen. Im Deutschen wird der Begriff erst spät heimisch, im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist er noch nicht verzeichnet.“ (Schmidt et. al. 2026)

Im Zentrum steht die Frage, wie sich eine solche Erfahrung aus Sicht der anthropologischen Bildungsforschung verstehen lässt. Wir gehen dabei vier Grundaspekten nach: der Transformation, der Trias aus Emotion, Praxis und Theorie nach Zirfas (2021), den anthropologischen Kategorien nach Wulf und Zirfas (2014) sowie der Performativität des Sprechens. Bildung erscheint in diesem Zusammenhang nicht als Lernprozess, sondern als existenzielle Antwort auf eine Erfahrung, die sich rationalem Begreifen entzieht. Mit Waldenfels gedacht: Das Fremde trifft den Menschen als Pathos – und Bildung geschieht, wo darauf eine Response erfolgt, ein handelndes und sprachliches Sich-Einlassen auf das Unverfügbare.

Besonders intensiv besprechen wir die anthropologischen Dimensionen des Interviews: den Körper als Ort der Fremdheit und Intuition, den Raum als Schutz- und Übergangszone, die Zeit als Dehnung zwischen Schock und Reflexion, die Sozialität als Spannungsfeld zwischen Verlust und Solidarität. In der Veränderung dieser Dimensionen zeigt sich Bildung als leibliches, relationales und sprachliches Geschehen. Anna, die Erzählerin, wird im Verlauf ihrer Geschichte zur Gestalterin einer neuen Lebensordnung, in der Verantwortung und Autonomie, Fürsorge und Selbstbehauptung in ein neues Gleichgewicht treten.

Im Gespräch beziehen wir außerdem Hannah Arendts Konzept der Natalität auf das Interview. Arendt versteht Natalität als die Fähigkeit, etwas Neues zu beginnen – als Ausdruck der menschlichen Freiheit. Annas Geschichte lässt sich genau so lesen: als radikaler Neuanfang, der nicht nur die Geburt eines Kindes, sondern die Geburt eines neuen Selbst markiert. In der Unvorhersehbarkeit dieses Ereignisses wird die conditio humana spürbar – die Möglichkeit, sich selbst inmitten der Kontingenz neu zu entwerfen.

Als Bildungsfiguration hebt die Arbeit schließlich die Spannung zwischen Gemeinschaft und Autonomie hervor. Bildung zeigt sich nicht als Rückzug ins Private, sondern als Bewegung zwischen relationaler Geborgenheit und individueller Selbstwerdung. Die Solidarität der Kolleg:innen, die Unterstützung der Eltern, aber auch die bewusste Abgrenzung gegenüber destruktiven Beziehungen – all das sind Ausdruck dieser figuralen Dialektik.

Das Fazit des Interviews bringt diesen Gedanken in einer einfachen, zugleich tiefen Sprache zum Ausdruck:

„Und jetzt weiß ich, dass es gar nicht so schlimm ist, auch mal Hilfe anzunehmen, und dass das nicht immer gleich mit einem Zurückgeben verbunden ist, dass man immer noch einen draufsetzen muss, sondern dass das Dankesagen so viel mehr wert ist als alles andere.“

In diesem Satz kulminiert, was anthropologische Bildung meint: die Öffnung für den Anderen, die Anerkennung der eigenen Endlichkeit und die Fähigkeit, aus der Erfahrung der Abhängigkeit eine neue Form von Freiheit zu gewinnen.

„Die positive Katastrophe der Geburt“ erzählt so von einer existentiellen Transformation, die zugleich biografisch konkret und philosophisch universell ist – von der Möglichkeit, im Erschüttertwerden menschlich zu werden.

Literatur

Schmidt, Tim/Krebs, Moritz/Rader, Timur/Schamel, Liesa/Schulz, Birgit, Zirfas, Jörg: Katastrophenbildung. Entwurf einer anthropologischen Bildungsforschung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2026

Wulf, Christoph/Zirfas, Jörg (Hrsg.) (2014): Handbuch Pädagogische Anthropologie. Wiesbaden: Springer VS.

Zirfas, Jörg (2021): Pädagogische Anthropologie. UTB

Transformatorische Bildung – Folge 167 „Kämpferische Bildung: Für den Genuss von zehn Minuten muss ein Lebewesen sterben“

In dieser Episode sprechen Ira und ich über das tiefgehende narrative Interview mit Emma (FR465). Ich habe mich über das Gespräch sehr gefreut, weil schon länger kein Podcast mehr von mir erschienen ist.

Die 19-jährige Emma wuchs in einem Umfeld auf, in dem der Bezug zu Tieren – durch Haustiere und Bauernhofbesuche – eng war, der Fleischkonsum jedoch als selbstverständlich galt. Diese Einstellung änderte sich radikal mit etwa fünfzehn Jahren, ausgelöst durch Social Media und schulische Dokumentationen über Tierhaltung. Die Erkenntnis, „dass für einen kurzen Genuss ein Lebewesen stirbt“, führte zu einer tiefen Irritation. Nach einem anfänglichen Versuch, ihren Fleischkonsum zu beschränken, traf Emma die konsequente Entscheidung, von einem Tag auf den anderen ganz auf Fleisch zu verzichten. Seit über drei Jahren lebt sie nun vegetarisch. Trotz anfänglicher Skepsis im familiären Umfeld fand sie im Laufe der Zeit Unterstützung, wobei ihre Angehörigen ihren eigenen Fleischkonsum reduzierten. Während ihres Au-pair-Aufenthaltes in den USA erlebt sie erneut Fremdheitserfahrungen, die ihre ethisch begründete Haltung jedoch festigen. Sie beschreibt ihren Vegetarismus als bewussten Lebensstil, wobei Veganismus eine mögliche Zukunftsperspektive bleibt.

Wir beleuchten Emmas Geschichte anhand des Modells der anthropologischen Bildungsforschung (Schmidt et al. 2025). Dieses qualitativ-empirische Verfahren dient der Rekonstruktion von Bildungsprozessen, indem es narrative Interviews mit bildungstheoretischen und anthropologischen Perspektiven verbindet. Bildung wird dabei – im Anschluss an Kokemohr und Koller – als Transformation grundlegender Figuren des Welt- und Selbstverhältnisses in der Auseinandersetzung mit Krisen- und Fremdheitserfahrungen verstanden.

Methodisch kombiniert der Ansatz:
1.) Die Narrationsanalyse nach Fritz Schütze zur Sichtbarmachung biographischer Dynamiken und das Modell der Transformation nach Kokemohr und Koller.
2.) Die Trias von Emotion, Praxis und Theorie nach Zirfas, welche das Verhältnis von Gefühl, Handlung und Reflexion strukturiert und die Dynamik der Erzählung greifbar macht (diachrone Ebene).
3.) Die sieben anthropologischen Kategorien nach Wulf und Zirfas (Körper, Soziales, Raum, Zeit, Kultur, Subjekt und Grenzen) zur Analyse der Bildungsprozesse (synchrone Ebene).
4.) Rhetorisch-performative Analysen (Ricoeur, Koschorke), um die sprachliche und symbolische Gestalt der Erzählung zu erfassen.

Im Gespräch thematisieren wir Essen und Ernährung als anthropologische Dimension und diskutieren ihren Bezug zur Klimakatastrophe und zur Biodiversitätskrise. Darüber hinaus arbeiten wir die ethischen, politischen und ästhetischen Dimensionen ihrer Entscheidung heraus und erörtern abschließend die Bildungsfiguration, die die Erzählerin als „Kämpferin“ auf Basis einer explorativen Grundhaltung inszeniert.

 

Literatur

Als Quelle zur anthropologischen Bildungsforschung empfehle ich:

Der Kampf um die Lebensgrundlagen. Bildung als solidarischer Prozess. (Tim Schmidt, Moritz Krebs, Timur Rader, Liesa Schamel, Birgit Schulz & Jörg Zirfas) in Psychologie und Gesellschaftskritik, 20.08.2025.

 

 

Katastrophenbildung (Ankündigung bei Beltz Juventa)

Große Dinge werfen ihren Schatten voraus. So ging es mir, als ich heute gesehen habe, dass unser Buch Katastrophenbildung. Entwurf einer anthropologischen Bildungsforschung“ bei Beltz Juventa angekündigt wurde. Als voraussichtliches Datum für die Veröffentlichung wird der 18.12.2025 angegeben. Die Autor:innen sind in alphabetischer Reihenfolge: Moritz Krebs, Timur Rader, Liesa Schamel, Tim Schmidt, Birgit Schulz und Jörg Zirfas. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktion von meinen Studierenden und von der Fachöffentlichkeit. Unsere Forschungsfrage ist: Dieses Buch geht mithilfe einer anthropologischen Bildungsforschung von narrativen Interviews den Fragen nach, warum Menschen sich in und durch Katastrophen bilden, welche Inhalte und Formen dabei wichtig sind und welche Ziele sie hierbei verfolgen.“ Dabei behandeln wir die drei Themenfelder: Umweltkatastrophen, Fluchterfahrungen und Distanzierung und Betroffenheit.

Für mich persönlich ist es ein wichtiger Schritt. So habe ich seit langem nichts veröffentlicht. Aber in das Buch sind die Überlegungen und Diskussionen aus meinem Podcastprojekt eingeflossen. Auch Lektürespuren aus dem Artikel (2007): Angst – Augen – Blick von Tim Schmidt, Tanja Trede-Schicker und Gereon Wulftange finden sich an vielen Stellen. Das Buch verknüpft für mich die Auseinandersetzung mit der Theorie transformatorischer Bildung aus Hamburg mit den Diskussionen der Pädagogischen Anthropologie aus Köln am Lehrstuhl von Prof. Jörg Zirfas und spannt damit den Bogen meines Denkens der letzten zwei Jahrzehnte. Das Schreiben war für mich ein Experiment und auch eine Herzensangelegenheit. Im Buch heißt es: Dieses Buch verdankt sich einer Initiative von Tim Schmidt, der uns auf die Bedeutung der von seinen Studierenden in seinen Seminaren erhobenen narrativen Interviews über Katastrophen hingewiesen hat. Anders formuliert, hat er uns für die Katastrophenbildung begeistert.“ Ich hoffe, dass sich diese Begeisterung für die inhaltliche und wissenschaftliche Auseinandersetzung auch auf die Leser:innen übertragen wird, wobei die Themen eher Anlass zur Sorge geben.

 

Der Kampf um die Lebensgrundlagen. Bildung als solidarischer Prozess; ist erschienen.

Es ist geschafft. Die erste Publikation unserer Arbeitsgruppe aus Köln (Tim Schmidt, Moritz Krebs, Timur Rader, Liesa Schamel, Birgit Schulz & Jörg Zirfas) zur Katastrophenbildung ist veröffentlicht. Wie immer ist es ein langer Weg gewesen. Umso mehr freue ich mich, jetzt das Ergebnis zu sehen und bald auch physisch in den Händen zu halten. Mit der Publikation gibt es eine erste Referenz für die von uns entwickelte anthropologische Bildungsforschung. Eine weitere Publikation und das dazugehörige Buch ist in Vorbereitung.

Mein kleiner Podcast kann auch als Vorübung und Experimentierfeld für die anstehenden Veröffentlichungen gesehen werden. Daher möchte ich nochmal ausdrücklich allen Studierenden aus meinen Seminaren und den Gesprächspartner*innen danken, ohne die das Projekt nicht möglich gewesen wäre. Zudem halte ich den Erscheinungsort, die Zeitschrift “Psychologie & Gesellschaftskritik” und das Themenheft “Nachhaltigkeit und Norm” für ein sehr angenehmes Umfeld. Ich freue mich darauf, die anderen Artikel aus der Ausgabe zu lesen.

https://www.psychologie-aktuell.com/journale/gesellschaftskritik/bisher-erschienen/inhalt-lesen/2025-1-193.html

 

Vorträge zu dem Thema

Perspektiven der Pädagogischen Anthropologie
Arbeitstagung der Kommission am 24./25.05.2024 an der Universität Duisburg-Essen

Tim Schmidt, Timur Rader,  Jörg Zirfas: „Anthropologische Bildungsforschung im Kontext von Klimakatastrophen“

Kommission Pädagogische Anthropologie
Perspektiven der Pädagogischen Anthropologie
Arbeitstagung 13. & 14. Juni 2025

Tim Schmidt, Moritz Krebs, Timur Rader,  Jörg Zirfas: Ausgewählte Arbeitsergebnisse des Projekts ‚Katastrophenbildung‘ und Entwurf einer anthropologischen Bildungsforschung

Pädagogische Anthropologie des Erbes und des (Ver-)Erbens
Jahrestagung der DGfE-Kommission Pädagogische Anthropologie, vom 22.bis 24 September 2025 an der Universität zu Köln

Tim Schmidt (Köln):  Ungewolltes Erbe – Die Flutkatastrophe in NRW aus der Perspektive der anthropologischen Bildungsforschung

DGfE: Brüche München vom 22. bis 25. März 2026

Symposien Mo. 14:30 – 16:30 Uhr
SY 21: Katastrophenbildung

Moritz Krebs, Timur Rader, Tim Schmidt (Universität zu Köln): Katastrophe, Flucht und Bildung – Eine anthropologische Analyse auf Grundlage zweier narrativer

Teilnehmer am Netzwerk Pädagogische Anthropologie, Gruppe: »Anthropologische Dimensionen von Fluchterfahrungen. Lektüren von Fluchterzählungen mit Hilfe der anthropologischen Bildungsforschung«
Tim Schmidt | Ansprechperson

Transformatorische Bildung – Folge 166 „Die waren quasi meine Pinkys und ich war deren Brain.“ Anthropologische Bildungsforschung einer Person mit Tetraspastik

Ronja und ich unterhalten uns über ihre Bachelorarbeit, in der sie mit Hilfe der anthropologischen Bildungsforschung die Erzählung einer Person mit Tetraspatik analysiert.

Dabei gehen wir nach den vier Analyseschritten der anthropologischen Bildungsforschung vor:

  1. Transformatorische Bildung nach Kokemohr und Koller in der Analyse der sprachlichen Figuren
  2. Die Trias von Emotion, Praxis und Theorie nach Zirfas, um die diachrone Ebene des Interviews beschreiben zu können
  3. Die sieben anthropologischen Kategorien (Körper., Raum, Zeit, Soziales, Kultur, Subjekt und Grenzen), um das Interview in der synchronen Ebene zu analysieren zu können.
  4. Die Frage nach der Performatitvität, um die Gesamtgestalt der Erzählung als Bildungsfiguration zu beschreiben.

Zentral ist dabei die Theorie der Anrufung und Resignifizierung nach Butler, die sich über Materialisierung in allen anthropologischen Kategorien zeigt.

Das Interview bündelt sich über die Besprechung der verschiedenen Räume (Schule, Berufsbildungswerk, Altenheim , teilstationäre WG)

Mit dem Hund ist zudem eine wichtige Bildungsfigur angesprochen.

 

(Zusammenfassung GPT). Einleitung: Bildung und Behinderung – Die Stimme einer Betroffenen

In der Podcastfolge sprechen Ronja und Tim über Ronjas Bachelorarbeit, in der sie mithilfe der anthropologischen Bildungsforschung die narrative Erzählung einer Person mit Tetraspatik analysiert. Ausgangspunkt ist ein Interview, das Ronja mit einer jungen Frau geführt hat, deren Leben von einer frühkindlich erworbenen Mehrfachbehinderung geprägt ist. Die Erzählung der Interviewten wird dabei nicht nur als biografische Rückschau verstanden, sondern als performative Bildungsfigur, in der sich subjektive Transformation, soziale Räume und sprachliche Materialisierung miteinander verschränken.


1. Transformatorische Bildung und die Figur des Widerstands

Im ersten Analyseschritt wird die sprachliche Gestaltung der Erzählung unter dem Gesichtspunkt transformatorischer Bildung nach Koller und Kokemohr betrachtet. Im Zentrum steht hierbei das Konzept des Widerstands. Die Erzählerin verwendet wiederholt Metaphern, Kontrastierungen und direkte Bewertungen, um den Spannungsbogen zwischen dem institutionellen Rahmen (z. B. Schule, Altenheim) und dem eigenen Selbstverhältnis herauszuarbeiten. In der Schule wird sie systematisch unterschätzt und durch Klassifizierungspraxen (z. B. “geistige Behinderung”) in ihrer Subjektwerdung behindert. Ihre sprachlichen Figuren sind dabei nicht bloß illustrative Mittel, sondern Träger eines symbolischen Protestes. Die performative Kraft der Sprache liegt insbesondere in der resignifizierenden Aneignung von Zuschreibungen, etwa wenn sie den Begriff „behindert“ aufgreift, um ihn mit biografischer Stärke zu konfrontieren.


2. Emotion – Praxis – Theorie: Die Trias der biografischen Dynamik

Die Analyse der Trias nach Zirfas zeigt, wie sich die emotionale, praktische und theoretische Ebene im Erzählverlauf diachron entfaltet. Emotionale Momente sind eng mit Situationen der Diskriminierung und des Empowerments verbunden – etwa das Gefühl der Enteignung im schulischen Raum versus das Gefühl von Gemeinschaft und Autonomie in späteren Kontexten wie der WG oder im Umgang mit ihrem Hund. Auf der Praxisebene wird besonders deutlich, wie sehr alltägliche Handlungen – etwa das Sprechen, das Wohnen, das Kommunizieren mit dem Hund – als Bildungspraktiken erscheinen. Theoretisch wird das Interview durch Reflexionen auf gesellschaftliche Zuschreibungsmechanismen und Teilhabe gerahmt. Die Erzählerin verknüpft individuelle Erfahrungen mit strukturellen Einsichten, etwa wenn sie den Begriff “Altersheim” problematisiert oder die Bedeutung von Selbstvertretung thematisiert.


3. Anthropologische Kategorien: Körper, Raum und Grenze als zentrale Felder

In der synchronen Analyse treten vor allem drei anthropologische Kategorien hervor: Körper, Raum und Grenze. Der Körper ist nicht nur Träger einer Behinderung, sondern erscheint als umkämpfter Ort der Zuschreibung, des Begehrens nach Autonomie und der kommunikativen Handlung. Ihre Tetraspatik ist dabei nicht einfach ein Defizit, sondern Ausgangspunkt einer anderen Weltwahrnehmung und eines anderen Ausdrucks. Der Raum zeigt sich als zutiefst normativ strukturiert – von der Schule über das Berufsbildungswerk bis zur teilstationären Wohngruppe. Diese Räume markieren nicht nur Stationen, sondern sind Orte der Auseinandersetzung und des Wandels. Die Grenze erscheint schließlich sowohl körperlich als auch sozial, etwa in Form sprachlicher Barrieren, der Unsichtbarkeit in Gruppen oder der strukturellen Ausgrenzung. Zugleich zeigen sich Momente der Grenzüberschreitung – etwa durch das Durchsetzen des eigenen Wohnwunsches oder das Sprechen über Sexualität und Nähe.


4. Performativität und Resignifizierung: Die Sprache als Bildungsfigur

Im vierten Analyseschritt steht die performative Dimension der Erzählung im Zentrum. Ausgehend von Judith Butlers Theorie der Anrufung und Resignifizierung wird deutlich, dass die Erzählerin nicht nur über ihr Leben berichtet, sondern es zugleich in Szene setzt. Ihre Sprache bringt ihre Subjektivität performativ hervor – nicht als gegebene Identität, sondern als fortwährende Aushandlung. Dies zeigt sich exemplarisch in der Art, wie sie Zuschreibungen aufnimmt, bearbeitet und in ein neues Bedeutungsfeld überführt. Besonders eindrucksvoll ist dies in ihrer Beziehung zu ihrem Hund: Der Hund wird zur Bildungsfigur, weil er als Resonanzpartner wirkt – nicht urteilend, sondern zugewandt. In dieser Beziehung werden neue Formen von Nähe, Kommunikation und Anerkennung erfahrbar, die im Kontrast zu institutionellen Kontexten stehen. Damit erscheint die Erzählung als ein Prozess der symbolischen Selbstermächtigung, in dem sich Bildungsprozesse nicht im klassischen Sinne von Wissensaneignung, sondern als Neugestaltung des Welt- und Selbstverhältnisses vollziehen.


Schlussbemerkung: Erzählung als Bildung der Differenz

Die Podcastfolge macht eindrücklich deutlich, wie das narrativ-performative Interview nicht nur Inhalte transportiert, sondern Bildungsprozesse selbst sichtbar macht. Die Anwendung der anthropologischen Bildungsforschung ermöglicht es, biografische Transformationen im Spannungsfeld von Körper, Sprache und Gesellschaft analytisch zu erfassen – und damit Bildung als tiefgreifende Refiguration des Verhältnisses zur Welt zu begreifen.

 

Transformatorische Bildung – Folge 165 „Ich kenne viele Leute hier, ihr alle kennt Nina.“ Flucht aus Syrien

Emma, Lena und ich unterhalten uns über eine Fluchterzählung (FR451) aus Syrien und die Wiedergeburt im neuen Land.

Dabei beziehen wir uns auf die

  1. Transformationstheorie nach Kokemohr und Koller
  2. Das Konzept der Fremdheitserfahrung nach Waldenfels
  3. die Trias von Emotion, Praxis und Theorie
  4. die sieben anthropologischen Kategorien von Körper, Raum, Zeit, Soziale, Kultur, Subjekt und Grenzen
  5. Und die Frage der Performativität, also wie das Interview gestaltet ist.

Besonders interessant fand ich die Frage der Übergangsfiguren im Interview, die einen neuen Zugang zur Welt ermöglichen.

Wir gehen zudem auf das Konzept der Natalität nach Hannah Arendt ein.

„Auch an der Natalität sind alle Tätigkeiten gleicherweise orientiert, da sie immer auch die Aufgabe haben, für die Zukunft zu sorgen, bzw. dafür, daß das Leben und die Welt dem ständigen Zufluß vom Neuankönnlingen, die als Fremdlinge in sie hineingeboren werden, gewachsen auf ihn vorbereitet bleibt. (…) Der Neubeginn, der mit jeder Geburt in der Welt kommt, kann sich in der Welt nur darum zur Geltung bringen, weil dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d.h. zu handlen.“ (Arendt 2023, S. 25)

Arndt, Hannah (2023): Vita activa oder vom tätigen Leben. München: Piper 3. Aufl.

(Zusammenfassung der Folge von GPT.)

Einleitung: Stimmen der Flucht 

In der 165. Folge des Podcasts „Transformatorische Bildung“ sprechen Tim, Emma und Lena über ein narratives Interview mit einer Frau, die unter dem Pseudonym „Nina“ geführt wird. Das Interview dokumentiert ihre Flucht aus Syrien im Jahr 2015 gemeinsam mit ihrem Sohn und thematisiert die anschließende Neuorientierung in Deutschland. Der Fokus des Gesprächs liegt auf Bildungsprozessen im Sinne einer Wiedergeburt im neuen Land, verstanden als Transformation des Welt- und Selbstverhältnisses unter widrigsten Bedingungen. Dabei werden zentrale theoretische Bezugspunkte eingebracht: die Transformationstheorie nach Kokemohr und Koller, Waldenfels’ Konzept der Fremdheitserfahrung, die anthropologische Trias von Emotion, Praxis und Theorie sowie die sieben anthropologischen Kategorien. Ergänzt wird das Gespräch durch Arendts Begriff der Natalität, verstanden als Möglichkeit des Neuanfangs durch Handeln.


Transformation und Fremdheitserfahrung 

Die Fluchterzählung ist von Anfang an durchzogen von der Sorge um den Sohn, dessen Wohlergehen für Nina zentraler Beweggrund zur Flucht war. Damit wird bereits zu Beginn eine Figur der Natalität im Sinne Arendts sichtbar: die Sorge für die Zukunft der Nachkommenschaft, die als „Fremdlinge in die Welt hineingeboren“ werden. Auf theoretischer Ebene wird das Interview mit Kokemohrs Konzept der „subsumptionsresistenten Erfahrung“ verknüpft, also Erfahrungen, die nicht ohne Weiteres in bestehende Deutungsmuster eingeordnet werden können und daher eine Transformation des Selbstverhältnisses auslösen.

Emma betont die Bedeutung der Fremdheitserfahrung im Sinne Waldenfels’: das passive Erleiden eines Widerfahrnisses, das nicht vollständig durch aktive Handlung kontrolliert werden kann. Diese Erfahrung des Ausgesetztseins und der existenziellen Erschütterung wird in der Flucht – insbesondere während der Bootsfahrt – paradigmatisch sichtbar. Die Erzählung der Interviewten ist geprägt von Wiederholungen wie „Ich habe immer Angst“, die als rhetorische Figur eine drängende, nicht versiegende Angst markieren. Lena beschreibt diese Sequenz als einen Punkt, an dem Sprache selbst an ihre Grenzen stößt, was sich in Parataxen, Satzabbrüchen und elliptischen Strukturen zeigt.


Emotion – Praxis – Theorie 

Die triadische Struktur der anthropologischen Bildungsforschung nach Zirfas wird exemplarisch entfaltet: Emotionen – insbesondere Angst – prägen die gesamte Erzählung. Sie transformieren sich jedoch im Verlauf zu Formen des Selbstvertrauens und der Selbstbehauptung. Nina entwickelt zunehmend ein neues Selbstbild: vom „Ich kann nicht“ zum „Ich bin Nina – alle kennen mich“. Diese Entwicklung wird als ein Moment positiver Selbstwirksamkeit gedeutet. Damit wird Bildung nicht nur als Leiden an der Welt, sondern auch als aktive Neuorientierung im Handeln sichtbar – eine Bewegung von Passivität zu Autonomie.


Anthropologische Kategorien: Sprache, Körper und Grenzen etc.

Im weiteren Verlauf wird das Interview entlang der sieben anthropologischen Kategorien gelesen. Besonders zentral ist der Körper, der während der Flucht extremen Bedingungen ausgesetzt ist („wir schlafen kaum, wir laufen immer“), sowie die Kategorie der Sprache: Nina beschreibt mehrfach, sie habe „keine Sprache“. Dieser Verlust verweist auf den anthropologischen Grundsatz, dass Bildung wesentlich in der Sprache geschieht – wie Humboldt es nannte: als „Bildungsorgan des Gedankens“. Der sprachliche Neuanfang in Deutschland wird so zu einem symbolischen Akt der Wiedergeburt, der zugleich mit einem Gefühl der Entfremdung verbunden ist. Auch das Gedächtnis, das Erzählen als erinnernde Praxis, wird thematisiert: Das Interview selbst ist ein Versuch, das Unaussprechliche sagbar zu machen – eine Grenzarbeit an der Grenze zwischen Erfahrbarkeit und Mitteilbarkeit.


Geburt, Wiedergeburt und Natalität 

Die Vorstellung von Geburt als Möglichkeit des Neubeginns wird im Anschluss durch Arendts Konzept der Natalität vertieft. Im Kontext des Interviews erhält dieser Begriff eine doppelte Bedeutung: zum einen biografisch – Nina ist Mutter und ihre Handlung ist auf das Leben ihres Sohnes hin orientiert – zum anderen existenziell – sie selbst erfährt eine Wiedergeburt durch das Ankommen in Deutschland. Diese doppelte Natalität verweist auf das Vermögen, „einen neuen Anfang zu machen“, wie Arendt es formuliert. Besonders eindrucksvoll wird dies in der Entscheidungsszene, als Nina – nach einem Albtraum – sagt: „Ich kann nicht mehr, ich muss weg.“ Diese Sätze erscheinen formal als performative Hauptsätze und markieren einen Wendepunkt, in dem das Unsagbare in Handlung übergeht.


Ambivalenzen von Heimat und Fremde 

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Ambivalenz des Heimatbegriffs. Obwohl Nina vor dem Krieg floh und der Verlust existenziell war, spricht sie von Heimweh. In der Formulierung „Deutschland ist wie mein Heimatland, aber ich habe Heimweh“ wird ein Zustand des Dazwischen deutlich: eine prekäre Zugehörigkeit, die sich nicht eindeutig verorten lässt. Lena beschreibt dies als Identitätsdifferenz zwischen dem Gefühl von Halb-Syrisch und Halb-Deutsch. Diese Ambiguität ist nicht auflösbar, sondern konstitutiv für das neue Selbstverhältnis.


Fazit: Performativität und Sprachgrenzen

Am Ende des Gesprächs wird die Performativität des Interviews reflektiert. Die Erzählung selbst ist bereits ein Bildungsakt – sie macht sichtbar, was sprachlich schwer zu fassen ist. Die Parataxen, Wiederholungen und affektiven Aufladungen markieren Grenzorte der Sprache, an denen die Gewalt des Erlebten durchscheint. Die Interviewten thematisieren die Unmöglichkeit, diese Erfahrungen vollständig zu teilen, aber auch den Versuch, sie dennoch zu vermitteln – ein paradoxales Sprechen des Unsagbaren.


Zusammenfassung:

Die Podcastfolge zeichnet ein dichtes Bild einer biografischen Transformation, die unter existenziellen Bedingungen stattfindet. Die Fluchterfahrung wird dabei nicht nur als politische oder soziale Herausforderung verstanden, sondern als Bildungsprozess im tiefen Sinne: als Umgestaltung des Welt- und Selbstverhältnisses, in dem Angst, Sprachverlust, Körpererfahrung, Erinnerung, Heimatlosigkeit und Neuanfang miteinander verschränkt sind. Die Kombination aus theoretischer Tiefenschärfe und narrativer Empathie verleiht der Folge eine besondere Dichte – sie macht deutlich, wie Bildung auch an den Rändern des Sagbaren beginnt.

Transformatorische Bildung – Folge 164 „vom Scheitern, vom Leid zum […] Sieg und Erfolg und zum Frieden.“ Erfahrungen mit Makroglossie

Im Gespräch mit Annika unterhalten wir uns über das Interview mit Elias* (FR450). Zentral ist eine Makroglossie, eine Vergrößerung seiner Zunge, die zu verschiedenen Erfahrungen mit Ausgrenzung führt.

Zunächst besprechen wir die vier Bausteine der anthropologischen Bildungsforschung.

  1. Transformatorische Bildung nach Kokemohr und Koller.
  2. Trias von Emotion, Praxis und Theorie nach Zirfas.
  3. Die sieben anthropologischen Kategorien (Körper, Soziales, Raum, Zeit, Kultur, Subjekt und Grenzen).
  4. Die Frage nach Performativität und Normativität.

Der Bezugstheorie ist das Modell der Anrufung und Resignifizierung nach Butler.

Zusammenfassung GPT.

00:00–00:03: Vorstellung und thematische Einleitung

In dieser Folge des Podcasts „Transformatorische Bildung“ spricht Tim mit der Studentin Annika über ein Interview mit Elias*, einem jungen Mann mit Makroglossie. Die Episode beginnt mit einem kurzen persönlichen Einstieg, in dem Annika von ihrem Studium berichtet – sie studiert Grundschullehramt in Köln, hat aber zuvor bereits ein geisteswissenschaftliches Studium abgeschlossen. Die Gesprächspartner*innen leiten dann über zur zentralen Fragestellung der Folge: Wie kann die biografische Erzählung von Elias, der mit einer stark vergrößerten Zunge lebt, im Rahmen der anthropologischen Bildungsforschung interpretiert werden?


00:03–00:09: Die vier Bausteine der anthropologischen Bildungsforschung

Tim führt in die vier konzeptionellen Bausteine der Analyse ein: (1) die Theorie der transformatorischen Bildung nach Kokemohr und Koller, (2) die Trias von Emotion, Praxis und Theorie nach Zirfas, (3) die sieben anthropologischen Kategorien (Körper, Soziales, Raum, Zeit, Kultur, Subjekt und Grenzen), sowie (4) die Frage nach der Performativität und Normativität der Erzählung. Diese Struktur bildet das methodologische Rückgrat der Interviewanalyse.


00:09–00:13: Transformatorische Bildung und rhetorische Figuren

Annika erläutert, wie sie den Begriff der Bildung im transformatorischen Sinne verstanden hat: als tiefgreifende Veränderung grundlegender Welt- und Selbstverhältnisse, erkennbar in sprachlich-rhetorischen Figuren wie Metaphern, Vergleichen und wiederkehrenden Motiven. Diese Figuren erlauben eine Analyse der symbolischen Selbstverortung im Weltbezug. Das Interview mit Elias wird dabei als Zeugnis eines solchen Bildungsprozesses verstanden.


00:13–00:18: Trias von Emotion, Praxis und Theorie

Anschließend wird die Trias (Emotion, Praxis, Theorie) als Strukturierungshilfe erläutert. Annika hebt hervor, dass Elias’ Erzählung nicht in einer linearen Logik dieser drei Phasen verläuft, sondern dass Emotion und Praxis eng verwoben sind. Seine Theorie, also die Bedeutung, die er seinem Lebensweg retrospektiv zuschreibt, lässt sich dennoch rekonstruieren: ein affirmativer Umgang mit erlittenem Schmerz, Krankheit und sozialer Ausgrenzung.


00:18–00:25: Anthropologische Kategorien und ihre heuristische Funktion

Die sieben anthropologischen Kategorien geben laut Annika Orientierung, um das Interview auf wiederkehrende Dimensionen menschlicher Existenz hin zu analysieren. Besonders die Kategorien „Körper“ und „Grenzen“ sind in Elias’ Fall zentral: Sein Körper wird permanent markiert, bewertet und als „abweichend“ klassifiziert. Auch kulturelle und soziale Kontexte werden sichtbar – etwa die schulische Institution als Raum normativer Ordnung.


00:25–00:34: Biografische Kernerinnerung als Szene der Anrufung

Ein zentrales Element des Gesprächs ist die sogenannte „Anrufung“, wie sie bei Judith Butler beschrieben wird. Elias erinnert sich an eine Szene im Kindesalter: Ein älterer Mann streckt ihm auf der Straße die Zunge heraus – eine symbolische Geste der Demütigung, die Elias tief geprägt hat. Diese Szene wird als performative Anrufung gedeutet, durch die Elias als „anders“ oder „abweichend“ adressiert wird – ein Akt, der seine Subjektivierung innerhalb gesellschaftlicher Normen beeinflusst.


00:34–00:43: Schule als Ort der Normalisierung und Widerstand

Eine weitere Szene betrifft ein Gespräch mit einer Schulleiterin, die Elias aufgrund seiner äußeren Erscheinung den Besuch einer Förderschule nahelegt. Die Mutter widersetzt sich dieser Anrufung und verteidigt die Normalität ihres Sohnes. Diese Szene wird als Beispiel einer Resignifizierung gedeutet: Eine normativ ausgrenzende Anrufung wird nicht einfach angenommen, sondern aktiv umgewendet. Elias und seine Mutter beanspruchen eine andere Lesart seiner Subjektivität – jenseits der Pathologisierung.


00:43–00:49: Vulnerabilität und Prekarität nach Butler und Dederich

Im Anschluss werden Butlers Begriffe der Verletzlichkeit und Prekarität mit Markus Dederichs Konzept der körperbezogenen Vulnerabilität verknüpft. Elias’ Körper wird von außen als „abweichend“ markiert – dies erhöht die Wahrscheinlichkeit für Verletzungen im sozialen Raum. Die Szene mit der Zungengeste fungiert dabei als emblematische Chiffre für diese gesellschaftliche Herstellung von Prekarität und Exklusion.


00:49–Ende: Performativität und die transformative Kraft der Erzählung

Gegen Ende reflektieren Tim und Annika über die performative Dimension des Interviews selbst. Elias formuliert seine Geschichte nicht als Opfernarrativ, sondern betont am Ende seine Dankbarkeit und seinen Stolz. Dies lässt sich als eine Form von aktiver Resignifizierung begreifen: Die Narrative wirkt nicht nur retrospektiv erklärend, sondern auch prospektiv identitätsbildend. Die performative Kraft der Erzählung besteht gerade darin, neue Handlungsspielräume im Diskurs zu eröffnen.