Transformatorische Bildung – Folge 78 “Transformatorische Bildung und die Klimakrise”

In der 78. Folge meines Podcasts Transformatorische Bildung widme sich Nino und Timo der zentralen Frage, wie sich das Konzept der transformatorischen Bildung angesichts der globalen Klimakrise neu denken, begründen und erziehungswissenschaftlich wenden lässt. Anknüpfend an vorausgegangene Diskussionen im Rahmen der Lectures for Future war es mein Anliegen, den Diskurs aus dem rein akademischen Seminarraum in ein dynamisches, dialogisches Format zu überführen. Das Ziel lag darin, bildungstheoretische Kategorien an einem der komplexesten Phänomene unserer Gegenwart zu erproben und für die Praxis der Erziehungswissenschaft fruchtbar zu machen.
1. Erziehungswissenschaftliche Problemstellung und die Klimakrise als „Hyperobjekt“
Ausgangspunkt unserer Unterhaltung ist eine auffällige Diskrepanz: Während der wissenschaftliche Konsens (etwa durch die Berichte des IPCC) bezüglich der Ausmaße des Klimawandels unbestreitbar vorliegt, bleibt das adäquate gesellschaftliche und individuelle Handeln weitgehend aus. Bildungstheoretisch greifen wir auf klassische Ansätze von Reiner Kokemohr und Winfried Marotzki zurück. Während Kokemohr die Dimension globaler Gerechtigkeit in den Fokus rückt, betont Marotzki die Notwendigkeit, Bildung als Befähigung zur Erschließung unbekannter Zukünfte zu begreifen – insbesondere in der Lehrer:innenbildung, wo heute Vermitteltes noch Jahrzehnte später in völlig neuartigen Problemkonstellationen wirksam werden muss.
Vor diesem Hintergrund analysieren wir die Klimakrise nicht als isoliertes, lokal begrenztes Einzelproblem (wie etwa ein punktuelles Bienensterben), sondern als überkomplexes „Hyperobjekt“. Die Krise entzieht sich klassischen menschlichen Handlungsschemata: Ihre Auswirkungen sind zeitlich stark verzögert, was lerntheoretisch und behavioristisch eine unmittelbare Verhaltensanpassung erschwert. Die Krise existiert in ihrer vollen Ausprägung in der Gegenwart noch nicht greifbar, erfordert aber genau jetzt radikale Transformationsprozesse.
2. Habitusanalysen, Inkorporierung und die Trägheit des Sozialen
Um zu verstehen, warum Subjekte und Institutionen an krisenhaften Verhaltensweisen festhalten, ziehen wir Pierre Bourdieus Habitustheorie heran. Wir erörtern, wie tief verankerte Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster Milieus stabilisieren und soziale Ungleichheit reproduzieren. Besondere Aufmerksamkeit widmen wir der Inkorporierung von Kapitalformen in alltäglichen Körper- und Konsumpraktiken:
  • Mobilität: Das Fortbewegen im Raum (vom individuellen Automobilbesitz bis hin zu akademisch legitimierten Flugreisen) ist tief habituell verankert und widersetzt sich schnellen Einsichten.
  • Ernährung & Geschmack: Konsumgewohnheiten fungieren als wirkmächtige Distinktionsmittel zur Abgrenzung und Inklusion in spezifische Milieus (etwa das Konsumverhalten urbaner, akademischer Schichten).
Wir stellen fest, dass reine Appelle an das individuelle Konsumverhalten oder milieuspezifische Symbolpolitiken (wie sie etwa bei den primär bürgerlich geprägten Fridays for Future-Protesten zu beobachten sind) an Grenzen stoßen, solange sie strukturelle Machtverhältnisse und makroökonomische Profitlogiken unberührt lassen.
3. Abwehrmechanismen, Darstellbarkeit und psychoanalytische Zugänge
Ein Schwerpunkt unseres Gesprächs liegt auf der Analyse kollektiver Abwehr- und Legitimitätsmuster. Wir hinterfragen die weit verbreitete „Aber-Rhetorik“ („Klimaschutz ist wichtig, aber Arbeitsplätze/Wirtschaft…“), die wir als Form kognitiver Dissonanz und als nachträgliche Rationalisierung unbewusster Beharrungskräfte entlarven.
Da rein kognitive Aufklärung keine Verhaltensänderung garantiert, diskutieren wir im Rekurs auf Freuds Begriff der Darstellbarkeit von Trauminhalten die fundamentale Rolle von Bildern, Metaphern und Narrativen. Abstrakte physikalische Datenmodelle erreichen das Subjekt selten affektiv; erst Sinnbilder wie der „ökologische Rucksack“, visuelle Schockmomente (wie Fukushima) oder narrative Identifikationsfiguren (wie Greta Thunberg) stellen weltbezogene Bezüge her.
Ergänzend beziehen wir psychoanalytische Kategorien nach Jacques Lacan ein: Gesellschaftliche Zugehörigkeit ruht auf fantasmatischen Konstruktionen (Fantasma). Das Aufbrechen dieser Gewissheiten erzeugt Krisen und strukturelle Angstmomente. Im Anschluss an Transformationstheorien (u. a. Hans-Christoph Koller) betonen wir, dass echte Bildungsprozesse nicht angst- oder krisenfrei verlaufen können, da sie das Subjekt mit einer grundlegenden Seinsungewissheit konfrontieren.
4. Synthese und Ausblick
Abschließend diskutieren Nino und ich das Spannungsverhältnis zwischen individueller Subjektbildung und kollektiv-politischer Steuerung. Während rein appellative Konzepte der Eigenverantwortung scheitern, braucht es konsequente politische Rahmenbedingungen (wie etwa CO₂-Bepreisung und gesetzliche Regulierungen) in Kombination mit neuen, zukunftsfähigen Narrativen. Die Episode endet mit dem Plädoyer, die unvermeidbaren Krisenerfahrungen der Gegenwart als produktiven Anstoß für eine grundlegende Transformation des Selbst- und Weltverhältnisses zu begreifen.