Transformatorische Bildung – Folge 170 „Selbstbewusste und selbstdisziplinierte Bildung. Der Weg zur veganen Ernährung.“

Im Podcastgespräch mit Emilie, das auf dem Interview mit Bettina (FR467) basiert, entfaltet sich ein dichtes, vielschichtiges Nachdenken über Ernährung als Bildungsphänomen. Die Folge beginnt mit einer grundsätzlichen anthropologischen Perspektive auf Nahrung: Essen erscheint nicht lediglich als biologische Notwendigkeit, sondern als jenes elementare Medium, durch das sich der Mensch mit der Welt verbindet – leiblich, sozial und kulturell. Entlang der einschlägigen Überlegungen der pädagogischen Anthropologie wird herausgearbeitet, dass im Akt des Essens die Natur des Körpers, die soziale Dimension der Gabe und die kulturelle Ordnung der Tischgemeinschaft ineinandergreifen. Nahrung wird so zum Ort, an dem sich Selbst-, Welt- und Fremdverhältnisse verdichten; sie bildet eine Schnittstelle, an der sich sowohl die Abhängigkeit als auch die Gestaltungsfähigkeit des Menschen zeigen. Diese Perspektive schließt direkt an die anthropologische Lektüre an, wie sie in der Hausarbeit angelegt ist: Essen ist ein Transformationsgeschehen, das den Menschen auf körperlicher Ebene umbildet, ihn in soziale Gefüge einbindet und zugleich kulturelle Bedeutungen verankert. 

Vor diesem Hintergrund richtet der Podcast den Blick auf die vier zentralen Aspekte der anthropologischen Bildungsforschung: Transformation, Trias, Kategorien sowie Performativität und Normativität. Besonders deutlich wird, wie stark der Bildungsprozess, den Bettina durchläuft, in der Spannung von Körperlichkeit, Anerkennung und moralischer Orientierung steht. Die Trias – Emotion, Praxis, Theorie – manifestiert sich in ihrem Erzählfluss in geradezu exemplarischer Weise. Ausgangspunkt bildet ein affektiver Impuls: der Wunsch nach einem gesünderen, schlankeren Körper, verbunden mit kulturell verankerten Schlankheitsnormen und Diäterfahrungen. Diese emotionalen Dispositionen werden durch soziale Einflüsse verstärkt: Familienmitglieder, Freund:innen, digitale Gemeinschaften, Trendkulturen wie der Veganuary – all dies strukturiert jene Erfahrungsräume, in denen Bettina ihre Ernährungspraxis zunehmend neu formt. Die Phase des praktischen Ausprobierens – vegetarisch, dann vegan, und zunächst getragen von Neugier und Körpergefühl – geht in eine vertiefte theoretische Auseinandersetzung über, die sich mit Tierwohl, Massentierhaltung und ethischer Verantwortung beschäftigt. Die Hausarbeit zeigt hier eindrücklich, wie sprachliche Mittel – besonders die zahlreichen singulären Inferenzen im Rückblick („rückblickend“, „im Nachhinein“) – als Marker reflexiver Distanzierung fungieren und das veränderte Selbst- und Weltverhältnis performativ sichtbar machen.

Ubiquitäre Inferenzen zeichnen sich dadurch aus, dass die Sätze und die damit einhergehenden Deutungskontexte nicht aufeinander bezogen sind, sondern additiv aneinandergereiht sind. Dabei sind ubiquitären Inferenzen der Normalfall, indem Sätze in einem Interview z. B. mit dem Wort „und“ verbunden werden oder sich verknüpfen lassen. Dem wird die singuläre Inferenz entgegengesetzt. „Die andere Disposition nenne ich die Disposition singulärer Inferenz. Sie ist die Bereitschaft, eine Information dadurch zu verarbeiten, daß aus der Vielzahl möglicher Deutungskontexte ein bestimmter – ein singulärer – herausgehoben und ins spannungsreiche Verhältnis gesetzt wird“ (ebd., S. 22). Die typische Textform für eine singuläre Inferenz wäre die Argumentation, in der verschiedene Kontexte dargestellt und gegeneinander abgewogen werden. (Schmidt et al. 2026, S. 30 in Bezug auf Rainer Kokemohr) 

Im weiteren Verlauf des Podcasts werden die anthropologischen Kategorien als analytische Linse genutzt: Der Körper steht als Resonanzraum der Transformation im Zentrum – als Ort des Begehrens, der Wahrnehmung, der Gesundheit und der Selbstformung. Das Soziale tritt sowohl als Ermöglichungs- wie als Konfliktfeld hervor: Der Vater als skeptische Figur, die Mutter und der Bruder als bestärkende Instanzen, das digitale Umfeld als Raum moralischer Orientierung. Die Kategorien von Kultur und Subjekt werden in Bettinas Erzählung dort greifbar, wo Geschmacksästehtik, Trendbewegungen und Sinnfragen ineinanderfließen. Schließlich wird sichtbar, wie sie in performativen Akten – ihrem alltäglichen Handeln, ihrem Vorleben gegenüber anderen, der Auswahl von Lebensmitteln – eine normative Selbstvergewisserung vollzieht, die weder dogmatisch noch defizitär ist, sondern eine souveräne, in sich ruhende Haltung ausdrückt.

Zum Abschluss thematisieren Emilie und ich die entstehende Bildungsfiguration. Aus dem biographischen Material lässt sich eine Figur herausarbeiten, die als selbstbewusste und selbstdisziplinierte Bildung beschrieben werden kann.

Bildungsfigurationen: Wir möchten mithin in diesem Abschnitt plausibel machen, dass sich die in unseren Interviews zeigenden sechs Bildungsprozesse in Bildern, Vorstellungen, Figuren, Konstellation oder Figurationen verdichten lassen, die für die Beteiligten – bewusst oder unbewusst – eine orientierende Funktion haben (vgl. Ode 2022).80 Dabei greifen wir noch einmal auf die Fokussierungen von Bildung zurück, die wir am Ende der einzelnen Kapitel entwickelt haben. Und wir stellen dabei fest, dass die leitenden Bilder der Bildung auf ein in der Regel altes Bildmaterial zurückgreifen, das sie aber in auffälliger Weise verändern. (Schmidt et al. 2026, S. 260-261)

(Nach dem Gespräch kam mir der Gedanke, dass man vielleicht von selbstbestimmter Bildung sprechen kann. Vielleicht trifft es die Formulierung besser.)

Bettinas Weg ist geprägt von einer stetigen, reflexiven Arbeit an sich selbst, von einem anspruchsvollen Verhältnis zwischen Lust und Disziplin, Neugier und moralischer Strenge, sozialer Einbettung und individueller Entscheidung. Sie bildet sich im Spannungsfeld von Körper, Moral und Gemeinschaft – und gestaltet eine Form des veganen Lebens, die weder asketisch noch belehrend wirkt, sondern als Ausdruck einer gereiften Selbstpositionierung erscheint. Damit wird die Folge zu einem eindrücklichen Beispiel dafür, wie Ernährungsentscheidungen biographische, soziale und kulturelle Tiefendimensionen miteinander verweben und wie Ernährung im Sinne einer anthropologischen Bildungsforschung als Ort fundamentaler Welt- und Selbstveränderung verstanden werden kann.

Literatur

Tim Schmidt, Moritz Krebs, Timur Rader, Liesa Schamel, Birgit Schulz & Jörg Zirfas (2026): Katastrophenbildung. Entwurf einer anthropologischen Bildungsforschung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa

Transformatorische Bildung – Folge 169 „Der Habitus der vegetarischen Ernährung“

In der Folge unterhalten sich Paul und ich über die Bedeutung des Habitus für die vegetarische Bildung anhand von zwei Interviews mit Leon (FR478) und Lisa (FR214). Ausgehend von Pauls Hausarbeit entfaltet sich ein Gespräch, das die Verschiebungen des Welt- und Selbstverhältnisses nachzeichnet, die mit der Entscheidung für eine vegetarische oder vegane Lebensweise einhergehen. Wir rekonstruieren zunächst die biographischen Hintergründe der beiden Erzähler: Leons behutsame Wandlung, die sich aus einer einzelnen Konfrontation ergab und in ein sozial gestütztes ökologisches Engagement mündete, sowie Lisas deutlich tiefer greifende Transformation, die sie aus den engen Strukturen ihres Elternhauses herausführte.

Im Gespräch erläutern wir, wie Bourdieu den Habitus als körperlich eingeschriebene Praxisform denkt und weshalb Veränderungen dort nur gegen Widerstände möglich sind. Paul zeigt, wie beide Interviews exemplarisch verdeutlichen, dass Irritationen – etwa durch eine Tierdokumentation oder den biographischen Bruch eines Auslandsaufenthalts – jene Krisen erzeugen, aus denen Bildung hervorgeht. Wir diskutieren Rosenbergs Modell der Habitustransformation durchläuft, die mehrere Logiken der Praxis umfasst.

Zugleich betonen wir die anthropologischen Dimensionen: die Rolle von Sozialität, Raum, Zeit und Grenzen bei der Ausgestaltung des neuen Lebensstils, aber auch das Spannungsverhältnis zwischen familiärer Prägung, eigenem Begehren und sozialer Anerkennung. Dadurch entsteht ein dichtes Bild davon, was vegetarische Bildung bedeutet: ein Ringen um neue Routinen, Konflikte und Freiheiten, in denen sich Menschen – oft tastend, manchmal abrupt – neu verorten.

Transformatorische Bildung – Folge 154 „Transformation und die Trias von Emotionen, Praxis und Theorie“ – vegetarische Bildung

Paula und ich unterhalten uns über der Interview FR214, in dem es um den Prozess geht, wie man ein veganer Ernährungsweise annimmt. Dieses beziehen wir auf die Trias von Zirfas  von Emotionen, Praxis und Theorie oder Herz, Hand und Kopf (aus der Pädagogische Anthropologie). Zum Schluss gehen wir nochmal die anthropologischen Kategorien von Körper, Soziales, Zeit, Raum, Kultur, Subjekt und Grenzen durch.

„Im Abendland finden sich anthropologische Überlegungen aber auch häufig um eine Trias zentriert, die über Jahrhunderte hinweg verschiedene Ausprägungen erfahren hat. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier einige bedeutsame Anthropologien benannt: Bei Platon ist die Rede vom Menschen als Integral von Vernunft (Lernbegierigem), Mut (Löwenartigem) und Begehren (Schlangenartigem), Thomas von Aquin begreift ihn durch Denken, Wollen und Fühlen, während für Jan Amos Comenius Vernunft (eruditio), Selbstbeherrschung und Zivilisierung (mores) sowie Ehrfurcht und Glaube (religio) den Menschen ausmachen. Bei Immanuel Kant wird die Anthropologie durch das Erkennen, die Moral und die Hoffnung konturiert, Johann Heinrich Pestalozzi fasst den Menschen durch Herz, Hand und Kopf und bei Sigmund Freud finden wir die Dreiheit von Es (Trieb), Ich (Handlung) und Über-Ich (Normen). Kurz: Der Mensch erscheint im Okzident (in zentralen Anthropologien) als animal rationale, animal sociale und animal emotionale – als vernünftiges, praktisches und emotionales Lebewesen.“ (Zirfas. Pädagogische Anthropologie, 164 ff.)

Die anthropologischen Kategorien werden auch im letzten Podcast thematisiert. Transformatorische Bildung – Folge 153 „Anthropologische Kategorien und transformatorische Bildung in Bezug auf Erfahrungen bei den Zeugen Jehovas“

Zusammenfassung des Podcast-Gesprächs mit Paula über das Interview FR214 – Folge 154 GPT

In dieser Folge analysieren Tim und Paula das Interview FR214, in dem die interviewte Person über den Prozess berichtet, wie sie Schritt für Schritt zu einer veganen Lebensweise gelangt ist. Der Fokus liegt nicht nur auf den praktischen Veränderungen, sondern vor allem auf der inneren Transformation, die diesen Wandel begleitet. Diese Entwicklung wird auf der Grundlage der Trias Emotion – Praxis – Theorie (Zirfas) sowie den anthropologischen Kategorien (Wulf/Zirfas) analysiert.

1. Theoretischer Hintergrund: Triadische Anthropologien

Tim beginnt mit einer kurzen Genealogie anthropologischer Trias-Strukturen im abendländischen Denken – von Platon über Comenius, Kant und Pestalozzi bis hin zu Freud. Diese Triaden sind Ausdruck des Versuchs, den Menschen ganzheitlich zu fassen – als ein Wesen, das denkend, fühlend und handelnd in die Welt tritt.

In Anlehnung an Zirfas wird diese Struktur im Podcast zugespitzt zur Trias:

  • Herz (Emotion),

  • Hand (Praxis),

  • Kopf (Theorie).

Diese drei Dimensionen sollen helfen, den Prozess der Umstellung auf eine vegane Lebensweise nicht lediglich als Ernährungsentscheidung, sondern als transformatorische Bewegung des Subjekts zu rekonstruieren.


2. Die Trias in der Erzählung der Interviewten

a) Emotion (Herz):

Die Wendung zur veganen Ernährung beginnt nicht mit theoretischer Überzeugung, sondern mit einer emotionalen Irritation. Die Interviewte schildert ein Schlüsselerlebnis: das Sehen von Bildern aus der Massentierhaltung. Diese erzeugen Abscheu, Trauer, Mitleid – eine affektive Verstörung, die das bisherige Weltverhältnis infrage stellt.

b) Praxis (Hand):

Auf diese emotionale Erschütterung folgt eine konkrete Veränderung im Alltag: Der Einkauf wird umgestellt, Rezepte werden ausprobiert, soziale Herausforderungen gemeistert. Die Interviewpartnerin spricht von ersten Schwierigkeiten, aber auch von Stolz, Selbstwirksamkeit und einem neuen körperlichen Wohlbefinden.

c) Theorie (Kopf):

Erst in einem späteren Schritt setzt eine theoretische Auseinandersetzung mit Tierethik, Ernährung, Umweltfragen und Systemkritik ein. Die Interviewte beginnt, Sachbücher zu lesen, Vorträge zu hören und sich aktiv zu informieren. Diese kognitive Durchdringung verankert die vorher gelebte Praxis in einem weltanschaulichen Zusammenhang.

Diese Bewegung – vom Gefühl über die Handlung zur Reflexion – bildet den zentralen Bildungsprozess im Sinne der transformatorischen Theorie.


3. Die anthropologischen Kategorien in der veganen Transformation

Im zweiten Teil des Gesprächs greifen Tim und Paula die sieben anthropologischen Kategorien auf, um die Breite und Tiefe des Transformationsprozesses der Interviewten herauszuarbeiten:

  • Körper: Der Körper wird neu erfahren – leichter, gesünder, zugleich auch verletzlicher gegenüber sozialen Angriffen. Körperlichkeit ist Medium der Veränderung.

  • Soziales: Konflikte mit dem Umfeld, Ausgrenzung, Rechtfertigungsdruck, aber auch neue Formen der Zugehörigkeit (z. B. vegane Gruppen, digitale Communities).

  • Zeit: Rückblick auf das „frühere Ich“, Übergangszeit mit innerem Ringen, Vorausschau auf eine nachhaltige Zukunft. Bildung zeigt sich als zeitlich strukturierte Bewegung.

  • Raum: Der Supermarkt wird neu gelesen, die Küche neu organisiert. Räume werden als kulturelle Felder neu belegt.

  • Kultur: Die Normen der Esskultur, das gemeinsame Essen, familiäre Rituale – all das wird irritiert und teilweise neu erfunden.

  • Subjekt: Die Interviewte beschreibt sich zunehmend als „verantwortlich“, „wach“, „handelnd“. Eine neue Subjektivität emergiert aus dem Vollzug ethischer Praxis.

  • Grenzen: Sowohl innere als auch äußere Grenzverschiebungen sind zentral – etwa die Grenze zwischen Mensch und Tier, zwischen Genießen und Leiden, zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit.


4. Bildung als kulturell situiertes Geschehen

Paula und Tim betonen, dass dieser Bildungsprozess nicht linear verläuft. Es handelt sich vielmehr um eine zirkuläre Bewegung: Emotionen rufen Praxis hervor, die wiederum Theorie erfordert, welche rückwirkt auf neue Emotionen. Diese Verschränkung ist ästhetisch, kulturell und leiblich fundiert – und kann als Beispiel einer ästhetisch-anthropologischen Bildungsbewegung gelesen werden.

Abschließend wird nochmals auf die Bedeutung der Triaden hingewiesen: Sie helfen, die Komplexität menschlicher Bildungsprozesse in ihrer Ganzheit sichtbar zu machen, ohne auf Reduktionismen zu verfallen.