In dieser Episode sprechen Ira und ich über das tiefgehende narrative Interview mit Emma (FR465). Ich habe mich über das Gespräch sehr gefreut, weil schon länger kein Podcast mehr von mir erschienen ist.
Die 19-jährige Emma wuchs in einem Umfeld auf, in dem der Bezug zu Tieren – durch Haustiere und Bauernhofbesuche – eng war, der Fleischkonsum jedoch als selbstverständlich galt. Diese Einstellung änderte sich radikal mit etwa fünfzehn Jahren, ausgelöst durch Social Media und schulische Dokumentationen über Tierhaltung. Die Erkenntnis, „dass für einen kurzen Genuss ein Lebewesen stirbt“, führte zu einer tiefen Irritation. Nach einem anfänglichen Versuch, ihren Fleischkonsum zu beschränken, traf Emma die konsequente Entscheidung, von einem Tag auf den anderen ganz auf Fleisch zu verzichten. Seit über drei Jahren lebt sie nun vegetarisch. Trotz anfänglicher Skepsis im familiären Umfeld fand sie im Laufe der Zeit Unterstützung, wobei ihre Angehörigen ihren eigenen Fleischkonsum reduzierten. Während ihres Au-pair-Aufenthaltes in den USA erlebt sie erneut Fremdheitserfahrungen, die ihre ethisch begründete Haltung jedoch festigen. Sie beschreibt ihren Vegetarismus als bewussten Lebensstil, wobei Veganismus eine mögliche Zukunftsperspektive bleibt.
Wir beleuchten Emmas Geschichte anhand des Modells der anthropologischen Bildungsforschung (Schmidt et al. 2025). Dieses qualitativ-empirische Verfahren dient der Rekonstruktion von Bildungsprozessen, indem es narrative Interviews mit bildungstheoretischen und anthropologischen Perspektiven verbindet. Bildung wird dabei – im Anschluss an Kokemohr und Koller – als Transformation grundlegender Figuren des Welt- und Selbstverhältnisses in der Auseinandersetzung mit Krisen- und Fremdheitserfahrungen verstanden.
Methodisch kombiniert der Ansatz:
1.) Die Narrationsanalyse nach Fritz Schütze zur Sichtbarmachung biographischer Dynamiken und das Modell der Transformation nach Kokemohr und Koller.
2.) Die Trias von Emotion, Praxis und Theorie nach Zirfas, welche das Verhältnis von Gefühl, Handlung und Reflexion strukturiert und die Dynamik der Erzählung greifbar macht (diachrone Ebene).
3.) Die sieben anthropologischen Kategorien nach Wulf und Zirfas (Körper, Soziales, Raum, Zeit, Kultur, Subjekt und Grenzen) zur Analyse der Bildungsprozesse (synchrone Ebene).
4.) Rhetorisch-performative Analysen (Ricoeur, Koschorke), um die sprachliche und symbolische Gestalt der Erzählung zu erfassen.
Im Gespräch thematisieren wir Essen und Ernährung als anthropologische Dimension und diskutieren ihren Bezug zur Klimakatastrophe und zur Biodiversitätskrise. Darüber hinaus arbeiten wir die ethischen, politischen und ästhetischen Dimensionen ihrer Entscheidung heraus und erörtern abschließend die Bildungsfiguration, die die Erzählerin als „Kämpferin“ auf Basis einer explorativen Grundhaltung inszeniert.
Literatur
Als Quelle zur anthropologischen Bildungsforschung empfehle ich:
Der Kampf um die Lebensgrundlagen. Bildung als solidarischer Prozess. (Tim Schmidt, Moritz Krebs, Timur Rader, Liesa Schamel, Birgit Schulz & Jörg Zirfas) in Psychologie und Gesellschaftskritik, 20.08.2025.