Anthropologische Bildungsforschung

Was besagt anthropologische Bildungsforschung?

In unserer Herangehensweise wollen wir ein neues methodisches Instrument, das der anthropologischen Bildungsforschung, einführen. Dieses soll hier kurz umrissen werden. Methodisch beziehen wir uns einerseits auf Fritz Schütze (1983, S. 286f.), der in seinen Überlegungen zur narrativen Analyse von Interviews darauf verweist, dass über die Fokussierung auf das Wie , ein vertiefendes Verständnis des Was der Erzählung, d.h. der bedeutsamen Erfahrungen und erlebten Prozesse der Erzählerin oder des Erzählers, zustande kommt. Intentionale biographische Handlungsschemata werden dabei von ›Verlaufskurven‹ unterschieden, die für das ›Getriebenwerden‹ durch schicksalhafte Ereignisse oder soziokulturelle Bedingungen stehen (ebd., S. 288). Diese Verlaufskurven bedingen eine Veränderung der Selbst- und Weltdefinition der betroffenen Erzähler:innen, wobei negative ›Fallkurven‹ den Spielraum an Handlungen und Entwicklungen der Betroffenen einschränken und ›Steigkurven‹ neue persönliche und soziale Perspektiven erschließen. Diese methodischen Überlegungen aus der Narrationsanalyse in ihrer klassischen Form bei Schütze kombinieren wir – zweitens – mit der Analyse der Bildung bei Rainer Kokemohr und Hans-Christoph Koller. Gerade das transformatorische Bildungsmodell von Kokemohr und Koller, das aus der Tradition der Biographieforschung entwickelt wurde, ist hier gut anschlussfähig. In den Worten von Koller (2012, S. 20f.) lässt sich Bildung verstehen »(1) als ein Prozess der Transformation (2) grundlegender Figuren des Welt- und Selbstverhältnisses (3) in Auseinandersetzung mit Krisenerfahrungen , die die etablierten Figuren des bisherigen Welt- und Selbstverhältnisses in Frage stellen« (Herv. im Orig.). Und schließlich drittens: Versuche, den individuellen Menschen in seinen Formen der Selbst- und Weltinterpretation resp. seiner Selbst- und Weltbildung zu verstehen, lassen sich gut mit den sehr detaillierten Zugängen der Pädagogischen Anthropologie in Verbindung bringen, da ihre Kategorien etwa der Reflexivität, Leiblichkeit, Sozialität, Kulturalität, Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Subjektivität und Liminalität eine vielfältige Perspektivierung auf Menschen und ihre Bildungsprozesse erlauben (Wulf & Zirfas, 2014). Diese Zugangsweisen, die aus unserer Sicht in der Pädagogischen Anthropologie vorhanden sind, eröffnen die Möglichkeiten einer detaillierten Rekonstruktion von Bildungsprozessen ebenso wie eine Erarbeitung von Bildungsfigurationen in ihren Strukturen und Wandlungen. Durch die Einbeziehung der anthropologischen Kategorien versprechen wir uns, den Anlass der Veränderung, die Krise oder Katastrophe und deren Bearbeitung, kategorial genauer beschreiben zu können (Schmidt et al., 2025).

Aus: Der Kampf um die Lebensgrundlagen. Bildung als solidarischer Prozess. (Schmidt, Tim/Krebs, Moritz/Rader, Timur/Schamel, Liesa/Schulz, Birgit/Zirfas., Jörg. Psychologie & Gesellschaftskritik, 2025 4 9(1 ), 65-90 .)

Unter einer anthropologischen Bildungsforschung verstehen wir ein Verfahren der empirischen-qualitativen Erforschung, das wir bislang an narrativen Interviews erprobt haben. Dieses Verfahren kombiniert 1. die eingeführte Theorie der transformatorischen Bildung mit den 2. etablierten methodischen Zugängen der Narrationsanalyse und den rhetorischen Erzähltheorien und schließlich 3. mit anthropologischen Wissensbeständen. Bildungstheoretischer Ausgangspunkt ist die Rekonstruktion von Bildungsprozessem mit dem aus der Tradition der Biographieforschung von Rainer Kokemohr und Hans-Christoph Koller gewonnenen transformatorischen Bildungsmodell. Vor dem Hintergrund dieses Modells konzentrieren wir auf Fritz Schützes Narrationsanalyse; dabei werden mit Christoph Wulf und Jörg Zirfas sowohl pädagogisch-anthropologische Begriffe wie die etablierten Kategorien der Leiblichkeit, Sozialität, Kulturalität, Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Subjektivität und Liminalität und die anthropologische Trias von Rationalität (Theorie), Praxis (Gestaltung) und Emotionalität (Gefühle) zu einer Analyse verwendet. Schließlich greift die Performativitäts- und Rhetorikforschung im Anschluss an die Erzähltheorien von Paul Ricoeur und Albrecht Koschorke anthropologische und bildungstheoretische Fragen nach der Bildlichkeit, Metaphorik und (kollektiven) Phantasie auf.

(Schmidt, Tim/Krebs, Moritz/Rader, Timur/Schamel, Liesa/Schulz, Birgit/Zirfas., Jörg Unveröff. Manuskript. 2025)