
In dieser Folge meines Podcasts Transformatorische Bildung begrüße ich Eliza, die an der Universität zu Köln Sonderpädagogik studiert und bei mir ihre Bachelorarbeit verfasst hat. Gemeinsam sprechen wir über ihre wissenschaftliche Arbeit, die sich mit dem Thema „Drei Schicksalsschläge: Schlaganfall, Trisomie 21 und Transidentität. Facetten einer Anthropologie der Vulnerabilität: Biografische Verletzlichkeit und transformatorische Bildungsprozesse“ beschäftigt. Im Zentrum unserer Diskussion steht das von Eliza geführte, etwa 45-minütige autobiografisch-narrative Interview mit Maria*, einer 41-jährigen Mutter von sechs Kindern, die im Laufe ihres Lebens mit drei tiefgreifenden familiären Krisen konfrontiert wurde.
In unserem Gespräch steigen wir bewusst zuerst in den theoretischen Rahmen ein, der als verständnisleitende Klammer für das gesamte Interview dient. Wir beginnen mit dem Konzept der Vulnerabilität als einer universellen anthropologischen Grundbedingung des Menschen: der fundamentalen Fähigkeit, verletzbar zu sein und zugleich andere zu verletzen (Vulneranz). Eliza erläutert dabei die vier Dimensionen nach Seitzer et al. (2026) aus der Pädagogik der Vulnerabilität – die körperliche, psychische, kulturell-symbolische und materielle Verletzlichkeit. Diese verknüpfen wir systematisch mit den sieben anthropologischen Kategorien der Bildungsforschung, namentlich Körper, Raum, Zeit, Soziales, Kultur, Subjektivität und Grenzen, um aufzuzeigen, an welchen Stellen menschlicher Existenz Verwundbarkeit erfahrbar wird.
Aufbauend auf dieser anthropologischen Basis verbinden wir die Vulnerabilität mit der Theorie transformatorischer Bildungsprozesse nach Koller und Kokemohr. Bildung verstehen wir dabei nicht als bloßen Wissenserwerb, sondern als grundlegende Transformation des eigenen Welt- und Selbstverhältnisses, ausgelöst durch krisenhafte, subsumtionsresistente Erfahrungen. Über die anthropologische Trias aus Emotionalität (Erschütterung), Praxis (Handeln und Erleiden) und Theorie (Reflexion) wird sichtbar, wie solche Erfahrungen verarbeitet werden. Um die sprachliche Macht von Verletzungen zu fassen, ziehen wir Judith Butlers Theorie heran: Wir erörtern die Performativität von Normen, deren Materialisierung im Körper, verletzende Anrufungen (Interpellationen) durch gesellschaftliche und medizinische Diskurse sowie das Konzept der Resignifizierung als sprachliches Zurücksprechen und Umdeuten.
Mit diesem theoretischen Rüstzeug wenden wir uns im zweiten Teil unseres Gesprächs der empirischen Rekonstruktion des Interviews zu. Der erste Schicksalsschlag betrifft Marias Sohn Leon*, der im Alter von elf Jahren durch einen Zeckenbiss einen schweren Schlaganfall erlitt. Wir analysieren, wie der Kinderarzt die Symptome zunächst verharmloste und als normale Pubertät anrief. Als Leon zusammenbricht, flüchtet Maria aus Angst in sprachliche Verharmlosung („Spökes“) und Verdrängung. Auf der Intensivstation bricht sie am Krankenbett zusammen, erfährt jedoch keine soziale Anerkennung, sondern wird von den Krankenschwestern mit der verletzenden Anrufung konfrontiert, sich „zusammenzureißen“. In dieser Krise verbleibt Maria weitgehend in gewohnten Muster der Hinnahme („hat sich halt nichts getan“) und der Abwehr, da sie das Nichtsprechen als Schutzmechanismus nutzt.
Der zweite Schicksalsschlag behandelt die unvorhergesehene Geburt ihres Sohnes Milan* mit Trisomie 21. Auch hier zeigt sich die verletzende Macht von Sprache und Institutionen: Unmittelbar nach der Entbindung wird Maria mit der stigmatisierenden medizinischen Anrufung konfrontiert, ob sie schon einmal etwas von „Mongolismus“ gehört habe, während man ihr das blaue Kind wegnimmt. Stundenlang bleibt sie traumatisiert und nackt auf dem blutigen Bett alleine gelassen, bis ihre Mutter eingreift. In der Analyse verknüpfen wir diese körperliche und soziale Entblößung mit ihrer familiären Situation: Ihr Ehemann agiert wie eine passive „Deko auf der Couch“, weshalb Maria jahrelang versucht, die emotionale Leere durch weitere Kinder zu kompensieren, bis sie schließlich zu der Erkenntnis gelangt, dass Kinder einen Partner nicht ersetzen können.
Den Wendepunkt der Narration bildet der dritte Schicksalsschlag, die geschlechtliche Transition ihrer Tochter Mathea. Anders als in den vorherigen Krisen gelingt Maria hier eine echte Transformation ihres Selbst- und Weltverhältnisses: Sie akzeptiert den Wunsch ihres Kindes sofort und unterstützt die Transition mit großer Kreativität und Empathie – etwa durch das Erfinden des Begriffs „Mädchenpisi“ oder das Einfärben von Unterhosen. Als ihr Ehemann das Kind massiv entwertet, als „alte Schwuchtel“ beschimpft und von einer Strafe durch drei behinderte Kinder spricht, vollzieht Maria einen kraftvollen Akt der Resignifizierung. Sie verweigert die Anrufungen des Vaters und setzt dem die unerschütterliche Gewissheit entgegen, dass ihre Kinder ein Geschenk Gottes und genau richtig so sind, wie sie sind.
Am Ende unseres Gesprächs wird deutlich, dass Vulnerabilität zwar eine notwendige Bedingung für transformatorische Bildungsprozesse darstellt, eine gelingende Transformation aber nicht automatisch erfolgt, sondern Mut, Auseinandersetzung und soziale Anerkennung erfordert.
Zentral ist folgendes Buch:
Philipp Seitzer / Moritz Krebs / Timur Rader / Robert Stöhr / Markus Dederich / Jörg Zirfas (2026): Pädagogik der Vulnerabilität
Anthropologische Kategorien und Formen der Vulnerabilität (vgl. Seitzer et al. 2026, S. 77-78)
| Anthropologische Kategorie | Körperliche Vulnerabilität | Psychische Vulnerabilität | Symbolische Vulnerabilität | Materielle Vulnerabilität |
| 1. Körperlichkeit | Krankheit, Verletzung, Schmerz, Behinderung, körperliche Abhängigkeit | Angst vor Krankheit, Scham, traumatische Körpererfahrungen | Körpernormen, Stigmatisierung, Abwertung aufgrund körperlicher Merkmale | Fehlende medizinische Versorgung, unzureichende Ernährung, mangelnde Pflege |
| 2. Räumlichkeit | Körperliche Gefährdung durch unsichere oder belastende Räume | Verlust von Geborgenheit, räumliche Unsicherheit, Heimatlosigkeit | Räumliche Ausgrenzung, Zuschreibung von Zugehörigkeit und Fremdheit | Wohnungslosigkeit, Vertreibung, fehlender Zugang zu geschützten Räumen |
| 3. Sozialität | Körperliche Gewalt, Vernachlässigung, Misshandlung | Einsamkeit, Zurückweisung, Verlustängste | Fehlende Anerkennung, Diskriminierung, soziale Stigmatisierung | Fehlende Unterstützungsnetzwerke, soziale und ökonomische Abhängigkeit |
| 4. Zeitlichkeit | Altern, körperlicher Verfall, Sterblichkeit | Zukunftsängste, biografische Krisen, belastende Erinnerungen | Altersdiskriminierung, gesellschaftliche Erwartungen an Lebensverläufe | Zeitarmut, prekäre Arbeitsverhältnisse, fehlende Zeit für Sorge |
| 5. Subjektivität | Einschränkungen körperlicher Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit | Identitätskrisen, Selbstzweifel, Ohnmachtserfahrungen | Aberkennung von Autonomie, Fremdbestimmung, verletzende Identitätszuschreibungen | Fehlende Ressourcen für Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe |
| 6. Kulturalität | Körperliche Verletzungen durch kulturell legitimierte Praktiken | Verunsicherung durch kulturelle Konflikte, Erfahrungen kultureller Entfremdung | Diskriminierende Normen, Stereotype, kulturelle Abwertung | Ungleicher Zugang zu Bildung, kulturellen Gütern und gesellschaftlichen Ressourcen |
| 7. Liminalität | Körperliche Grenzerfahrungen, Pubertät, Menopause, Krankheit und Sterben | Krisen an biografischen Übergängen, existenzielle Verunsicherung | Symbolische Grenzziehungen zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss | Armutsschwellen, prekäre Übergänge, fehlende Absicherung in Grenzsituationen |
