Transformatorische Bildung – Folge 72 “Wurzelbehandlung”

Im Gespräch mit Svenja unterhalten wir uns über ihr narratives Interview, das sie mit Esther Donkor geführt hat. Normalerweise werden die Interviews anonymisiert. Da aber die interviewte Person selbst das Buch Wurzelbehandlung geschrieben hat und zum das Blog http://krauselocke.de/

betreiben, haben wir den echten Namen verwendet. Wir beziehen das narrative Interview auf die Theorie von Butler und auf das Buch „Die Banalität der Rassismus“ von Terkessidis (2004).

Transformatorische Bildung – Folge 68 “Subjektivierung und Macht – zwischen Autonomie und Machtunterwerfung”

Im Gespräch mit Noah über seine Hausarbeit, versuchen wir uns dem Denken Foucaults anzunähern.

Transformatorische Bildung – Folge 66 Der Film „Die Klasse“ bezogen auf Bourdieu

Mit Ben unterhalte ich mich über den sehenswerten Film „Die Klasse“ aus dem Jahr 2008 von Laurent Cantet.

Transformatorische Bildung – Folge 65 “Bruch der Zweigeschlechtlichkeit- Wie uns Normen nach Judith Butler determinieren”

Im Gespräch mit Kristin unterhalten wir uns über ein narratives Interview (FR076). Die interviewte Person bezeichnet sich als transgender. Wir diskutieren die Theorie der Anrufung nach Butler und die Identifikation nach Lacan.

Transformatorische Bildung – Folge 63 “Figuren des Widerstandes gegen Diskriminierung”

In diesem Podcast bespreche ich mit Volkan seine Masterarbeit mit dem Titel “Figuren des Widerstandes gegen Diskriminierung”. Die Masterarbeit ist über edu-pub veröffentlicht. Interviews (FR008) (FR029) (FR033) (FR055)

Auszug aus dem Interview (FR008)
B: Ja auf der Realschule. Ne auf dem Gymnasium war das. Da hatten wir einen Lehrer der
173 hieß Herr B. Der ist, also der ist dafür bekannt gewesen immer schnell auszuflippen oder so.
174 Und (?) da saß dieser Italiener vor mir und da bin ich – aus dem Sprung hab ich dem halt nen
175 Nackenklatscher gegeben. Das war damals irgendwie cool. Und dann ist der halt genau zu
176 Ihm halt gegangen. Und der hat mich dann halt nach vorne gerufen. Hat mich dann halt vor
177 der Klasse so Gesicht an Gesicht angeschrien. Also der kam halt so nah ungefähr /zeigt/ also
178 so zehn Zentimeter von mir weg. Hat mich halt angeschrien so. Hab ich dann halt bestimmt
179 fünf Liter Speichel abbekommen. Und ja war halt so kurz vorm heulen weil ich halt ein
180 kleines Kind noch war. Also der hat sich halt- also das war zurecht irgendwie. Aber wie der
181 das gemacht war kacke halt vor der ganzen Klasse hat der mich angeschrien. Ich sollte mich
182 dann entschuldigen. Also zu dem hingehen dem die Hand geben und mich entschuldigen so
183 halt. Die Klasse hat halt gegrinst weil die wusste so- weil die – ich wurd da halt teilweise zu
184 angestiftet und der Lehrer- ja wie soll ich sagen? Jeder hatte halt auf der Schule Schiss vor
185 dem und der hat mich halt- Also ich wurde noch nie so angeschrien. Nicht mal von meinen
186 Eltern. Der ist richtig ausgeflippt und das war würd ich sagen irgendwie- Also da kann ich
187 mich noch genau dran erinnern. (3) Auf der Hauptschule waren die Lehrer irgendwie so- Die
188 hatten Teilweise Angst vor dem- Also die wurden halt bedroht im Unterricht. Und wenn die
189 in der Pause dann Frech geworden sind oder irgendwas sagen wollten, zum Beispiel rauch
190 nicht auf dem Schulhof oder so- Also wie gesagt drei mal glaube ich in den anderthalb Jahren
191 sind die da verprügelt worden. Keine Ahnung. (3) Die coolsten Lehrer hab ich jetzt auf dem
192 Berufskolleg. Die sind respektvoll. Wir sind respektvoll zu denen so. Ja ich find- was mir
193 geholfen hat irgendwie ist zu sehen, dass wir auf einer Stufe sind mit den Lehrern. Also klar
194 die benoten uns und so. Aber dadurch, dass die uns siezen oder uns das Anbieten zumindest
195 auch gesiezt zu werden- fühlt man sich nicht so klein vor nem Lehrer.

Transformatorische Bildung – Folge 59 “Rede über Rassismus”

Im Gespräch mit Lea unterhalten wir uns über eine Interview (FR071). Dabei diskutieren wir auch, wie man über Rassismus reden kann. Zudem geben wir noch einmal eine Einführung in die Theorie von Judith Butler.

Aber ich hab das irgendwie noch so im Kopf, da gab es so ein Buch mit so Tieren, also Bildern von Tieren und ich habe immer mit so einem Kind gespielt und habe immer alle Tiere auf Ghanaisch gesagt und dann haben wir uns gestritten, weil die da ja dann immer sogesagt hat: /Verstellt ihre Stimme/ ‚Nein das heißt so und so und nein, das heißt so und so.’ /Lacht/

Transformatorische Bildung – Folge 54 “Die Stellung des Subjekts im Video ‚BBNG x Flockey Ocscor‘”

Im Gespräch mit Nino unterhalten wir uns über das Video „BBNG x Flockey Ocscor“ – Wir diskutieren bildungsprozesstheoretische Analysen mit Jacques Lacan –

Als Ergänzung empfehle ich diesen Podcast von mir zu Auge und Blick bei Sartre und Lacan.

Transformatorische Bildung – Folge 53 “Black Swan und das Spiegelstadium nach Lacan”

Im Gespräch mit Cathérine unterhalte ich mich über den Film „Black Swan“. Wir beziehen ihn auf das Motiv des Spiegels und die Theorie des Spiegelstadiums nach Lacan. 

Transformatorische Bildung – Folge 51 „Der Habitus- und Bildungsbegriff“

Im Gespräch mit Angelina unterhalte ich mich über den Habitus- und Bildungsbegriff – diskutiert an narrativen Interviews von Flüchtlingen (FR057) (FR064). Zum Interview mit Sadio, bezogen auf die Theorie von Humboldt, gibt es bereits einen Podcast.

Transformatorische Bildung – Folge 50 „Der Mann der negativen Eigenschaften”

 

Bildungsprozesse zwischen narrativer Identität und Fremdheitserfahrung

Im Gespräch mit Sonja unterhalten wir uns über Fluchterfahrungen (FR070) und wie diese erzählt werden können. Wir beziehen uns dabei auf Waldenfels und Ricœur.

Dieser Podcast liegt mir ganz besonders am Herzen, denn hier lässt sich auf wunderbare Weise nachvollziehen, wie unsere theoretischen Überlegungen zu Paul Ricoeur eine Form gefunden haben, die dann später maßgeblich in unser Buch Katastrophenbildung eingegangen ist. Um diesen Prozess des Erzählens und der Identitätsbildung jedoch in seiner ganzen Tiefe zu verstehen, setzen wir in dieser Folge bei der eigentlichen Ursache an: der existenziellen Konfrontation mit dem Fremden. Daher widmen wir uns zunächst der Phänomenologie von Bernhard Waldenfels. Waldenfels liefert uns ein unverzichtbares theoretisches Werkzeug, indem er trennscharf zwischen dem Anderen und dem Fremden unterscheidet. Das Andere ist uns zwar nicht völlig vertraut, lässt sich aber dennoch relativ problemlos verstehen und in unsere bestehende symbolische Ordnung integrieren. Das Fremde hingegen entzieht sich unserer Deutung radikal und unaufhaltsam. Es bricht in unser Leben ein, markiert einen absoluten Kontrollverlust und stellt einen unabweisbaren Anspruch an uns, dem wir uns nicht entziehen können. Besonders überwältigend wird diese Fremdheitserfahrung, wenn sie mit struktureller Macht und Autorität ausgestattet ist, wie es in hierarchischen Institutionen oft der Fall ist. Solche Momente der völligen Überforderung durch das Fremde zwingen das Subjekt zu einer Reaktion und stellen somit den grundlegenden Anlass für Transformationen dar, die das bisherige Weltverhältnis tiefgreifend erschüttern.

Erst aus dieser elementaren Erschütterung heraus erwächst die Notwendigkeit, das Erlebte in eine Sprache zu fassen, weshalb wir im Anschluss Paul Ricoeur und sein Konzept der narrativen Identität heranziehen. Ricoeur zeigt uns, dass menschliche Identität nichts Vorgegebenes oder Statisches ist, sondern überhaupt erst im Akt des Erzählens entsteht. Wenn wir unsere Lebensgeschichte formen, durchlaufen wir einen komplexen Prozess der Mimesis. In der Phase der Fabelkomposition versuchen wir, aus losen, unzusammenhängenden und oftmals verstörenden Episoden ein sinnhaftes Netz zu knüpfen. Zufälle und Brüche werden durch das Erzählen retrospektiv in einen zusammenhängenden Schicksalsverlauf verwandelt, was uns ermöglicht, uns eine eigene Erzählfigur anzueignen. Ricoeur betont zudem die zentrale Rolle der abweichenden oder metaphorischen Sprache. Wenn alltägliche Begriffe versagen, um die unfassbare Wucht einer Fremdheitserfahrung oder eines Traumas auszudrücken, ermöglicht es uns die Sprache, das eigentlich Unerzählbare überhaupt erst sagbar zu machen und so die erlebte Transformation narrativ zu bewältigen.

Mit diesem umfassenden theoretischen Rüstzeug blicken wir im Hauptteil der Folge auf das narrative Interview mit Günther. Seine Biografie ist tief von den historischen Verwerfungen des zwanzigsten Jahrhunderts gezeichnet, angefangen bei seiner von Krieg und Flucht geprägten Kindheit. Wenn Günther von seiner Flucht aus dem Osten berichtet, fällt auf, dass er sich vorwiegend einer assoziativen und stark episodischen Erzählweise bedient. Er schildert rasante Bilder von Handwagen, vom Hunger und vom ständigen Weiterziehen, doch auf der Ebene der Fabelkomposition gelingt es ihm kaum, diese stark zersplitterten Erlebnisse in einen übergeordneten, tiefgründigen Sinnzusammenhang zu bringen. Die extremen Belastungen und die Orientierungslosigkeit dieser Jahre scheinen sich direkt in der rastlosen Struktur seiner Erzählung zu spiegeln. Die Erlebnisse bleiben unverbunden, und eine echte Reflexion, die der traumatischen Zeit eine verarbeitete Bedeutung geben könnte, bleibt weitgehend aus.

Der entscheidende analytische Schwerpunkt der Episode liegt jedoch auf Günthers Eintritt in die Marine als junger Erwachsener. Hier verdichtet sich die theoretische Vorarbeit, denn Günther erlebt einen massiven Bruch und eine radikale Fremdheitserfahrung im Sinne von Waldenfels. Der unerwartet raue Ton, der militärische Drill und die absolute Unterordnung unter eine fremde, autoritäre Macht überfordern ihn anfangs völlig. Die Vorgesetzten treten als Repräsentanten einer Ordnung auf, die den uneingeschränkten Anspruch erhebt, ihn auf Vordermann zu bringen. In einer für das Interview seltenen und sehr berührenden Szene gesteht er ein, wie er in einer der ersten Nächte weinend in seiner Koje lag. Dies ist der absolute Moment der Zerrissenheit, in dem seine bisherigen Bewältigungsstrategien versagen. Doch anstatt diese tiefe Krise für einen echten transformatorischen Bildungsprozess zu nutzen, in dem er eine eigenständige, neue Haltung zur Welt entwickelt, wählt er den Weg der reinen Negation. Er beschreibt, wie er sich am nächsten Morgen zusammengerissen habe, weil er schließlich keine Flachpfeife sei.

Dieses verwendete Schimpfwort und die damit einhergehende rhetorische Figur der Negation entpuppen sich in unserer Analyse als das zentrale Bewältigungsmuster Günthers. Indem er verneint, eine Flachpfeife zu sein, wertet er das eigene emotionale Erleben massiv ab und unterwirft sich unkritisch der harschen Logik der militärischen Institution. Er rettet sein Selbstbild nicht durch eine kreative Neuaneignung, sondern indem er bedingungslos bejaht, was die fremde Ordnung von ihm verlangt, und dabei jegliche Schwäche auslagert. Diese Strategie der Abgrenzung durch Negation zieht sich wie ein roter Faden durch sein weiteres Leben und sein gesamtes Interview. Auch bei der rückblickenden Betrachtung körperlicher Züchtigungen in der Schulzeit erschafft er ein imaginäres Wir der harten damaligen Zeit und stellt es einem verweichlichten Sie der Gegenwart gegenüber. Günther definiert sich fortwährend über das, was er nicht ist, und benötigt stets eine konstruierte Negativfolie, um sich als handlungsfähiges Subjekt zu spüren.

Am Ende zeigt der Podcast auf sehr eindrückliche Weise, dass eine solche narrative Anpassungsleistung ohne kritische Distanz keinen echten transformatorischen Bildungsprozess darstellt. Genau diese dichte Verwebung von Waldenfels Ansatz zur Fremdheitserfahrung, Ricoeurs sprachanalytischer Tiefe und Günthers existenzieller Lebensgeschichte macht diese Folge zu einem ganz besonderen Hörerlebnis, das tief in die Mechanismen menschlicher Identitätsbildung blicken lässt.

 

 

Mit Paul Ricœur (2005) lassen sich narrative Interviews als Praktiken verstehen, um die sogenannte narrative Identität überhaupt zu gewährleisten: durch die Herstellung einer Fabel, in der verschiedenartige Momente in einen Sinnzusammenhang gebracht werden, durch die Konstruktion eines Ichs oder Helden, das bzw. der sich durch einen durchgängigen Stil auszeichnet und auch durch die rezeptive Haltung des:der Hörer:in oder Leser:in, der sich mit dem Helden identifizieren kann. Schließlich wird auch der:die Ich-Erzähler:in selbst durch das Erzählen performativ zu einer synchronen und diachronen Einheitlichkeit gebracht, indem er sich im Erzählen mit sich selbst identifizieren und so die Einheit seines Lebens erfahren kann. Koller fasst die Überlegungen von Ricœur zur Erzählung und die sich anschließenden von Kokemohr zur transformatorischen Bildungstheorie wie folgt zusammen.Erzählen fasst Ricœur als eine für das menschliche In-der-Welt-Sein konstitutive Aktivität auf, durch die der Mensch (s)eine Welt entwirft und dabei die Grenzen der diesem Entwurf zugrundeliegenden Ordnung sichert oder verändert. Den erzählerischen Welt-Selbstentwurf beschreibt Ricœur dabei unter Bezug auf das Mimesiskonzept als dreifachen Vorgang der Präfiguration, der Konfiguration und der Refiguration. Mit Präfiguration sind die im Sprachvorrat einer Kultur bereitliegenden Elemente möglicher Bedeutung gemeint, Konfiguration bezeichnet die Synthese dieser Figuren „zu einem textuellen Ensemble neuer Bedeutungen“ und Refiguration das Wirklichwerden dieser konfigurierten Bedeutungen im weltentwerfenden Akt der Lektüre. Kokemohr betrachtet diese Konzeption des Erzählens als Chance, Welt-Selbstverhältnisse sich bildender Subjekte nicht nur begrifflich genauer zu fassen, sondern auch empirisch zu analysieren, indem man „sowohl nach sprachlich-figurativen Prozessen [fragt], in denen neue Weltentwürfe aufscheinen, als auch nach Prozessen, in denen gegebene Weltentwürfe stabilisiert werden“ (Koller 2021, S. 11 f.) (Schmidt et al. 2026. Katastrophenbildung. Entwurf einer anthropologischen Bildungsforschung. S. 27-28)

Weitere Überlegungen zu diesem Thema finden sich übrigens in dem Podcast Folge 28 „Berichten und Erzählen über Fluchterfahrungen“