Am 24. und 25. April 2026 findet die Arbeitstagung der Kommission Pädagogische Anthropologie in Jena statt. Es wird hier um das Publikationsprojekt von Lena Köhler (Dresden), Daniel Lieb (Jena) & Matthias Steffel (Salzburg) (Hrsg.) gehen. Der Titel ist: Mensch – Methode – Kritik. Theorieorientierte Forschungszugänge Pädagogischer Anthropologie.
Ich bin mit zwei Gruppen vertreten.
Wir Kölner Moritz Krebs, Timur Rader, Tim Schmidt & Jörg Zirfas stellen eine Kurzform für den Beitrag Ein begriffsloser Begriff des Menschen vor.
Am Tag darauf bin ich mit einer Gruppe aus dem Netzwerk Pädagogische Anthropologie »Anthropologische Dimensionen von Fluchterfahrungen. Lektüren von Fluchterzählungen mit Hilfe der anthropologischen Bildungsforschung« vertreten.
Ich bin sehr gespannt auf die verschiedenen Beiträge und die Diskussion. Hier ist ein Auszug aus der Einleitung unseres Vortrags zum Möglichkeit von Kritik in Fluchtinterviews.
Tim Schmidt, Nina Kühn, Lena Köhler, Sophie Schubert
Kritik, Widerstand, Zeugenschaft. Bildungsfigurationen im Fluchtkontext
Einleitung
Gemeinhin wird „Kritik“ als kognitiver Reflexionsakt verstanden. Kritik kann hingegen auch in einem weiten Sinne als anthropologische Dimension verstanden werden: „Was ist und wozu betreiben wir Kritik? Die Frage nach den Bedingungen und der Möglichkeit von Kritik stellt sich immer dort, wo Gegebenheiten analysiert, beurteilt oder als falsch abgelehnt werden. Kritik ist, so verstanden, konstitutiver Bestandteil menschlicher Praxis. Immer dann, wenn es Spielräume, Deutungs- und Entscheidungsmöglichkeiten gibt, setzt sich menschliches Handeln der Kritik aus.“ (Jaeggi/Wesche 2021, S. 7). Insofern ist Kritik als eine anthropologische Dimension des Fühlens, Handelns und Denkens zu sehen.
Doch was bedeutet Kritik, wenn man narrative Fluchtinterviews betrachtet, in denen die Emotionalität der Erzählung zentral ist und sich der Umgang mit Krieg und Vertreibung in körperlichen Praktiken niederschlägt? Wie lässt sich in einer solchen Konstellation überhaupt von Kritik sprechen, vor allem wenn mögliche Traumata und gesellschaftliche Zuschreibungen und Anrufungen das Symbolisieren erschweren? Im Folgenden gehen wir induktiv vor und versuchen, Figuren von Kritik aus drei narrativen Interviews herauszuarbeiten, wobei die anthropologischen Kategorien nach Wulf & Zirfas (2014) einen analytischen Rahmen geben. Dabei geht es uns auch darum zu zeigen, auf welche Art und Weise sich Kritik in Interviews überhaupt aufspüren lässt- und zwar auch dann, wenn diese nicht direkt geäußert wird.
Zunächst lässt sich zwischen impliziter oder expliziter Kritik unterscheiden, wobei sich letztere mit der Inferenzanalyse aufspüren lässt. Allerdings ist explizite Kritik in Interviews zur Flucht eher selten zu finden, obwohl sich offensichtlich kritikwürdige Umstände in den Erzählungen zeigen. Die bei der Lektüre entstehende Spannung zwischen geschilderter Gewalt und Normalisierung im Berichten legt die Spur, der wir nachgehen wollen. Es gilt also nach sprachlich artikulierten Figuren zu suchen, in denen Kritik, im Sinne Kokemohrs, vorgehalten ist, da sie (noch nicht) formulierbar ist, aber zur Sprache drängt. Diesem Drängendem und Unverfügbaren gilt es zu folgen.
In diesem Beitrag fragen wir daher: Was zeichnet einen pädagogisch-anthropologischen Zugang zu Kritik aus und wie lässt sich Kritik in diesem Zusammenhang in Interviews methodisch aufspüren? Was lässt sich daraus für ein Verständnis von Kritik im Rahmen einer anthropologischen Bildungsforschung fassen? Dies möchten wir gerne anhand von drei exemplarischen Interviewpassagen deutlich machen.