Transformatorische Bildung – Folge 021 “Hybride Identität und dritter Raum”

Ein Gespräch mit Malte zum Thema hybride Identität bezogen auf das Interview Binh Nguyen (FR034)

Literatur (Open Access)
Hein Kerstin: Hybride Identitäten Bastelbiografien im Spannungsverhältnis zwischen Lateinamerika und Europa. transcript, Bielefeld. 2015
Scherschel, Karin: Rassismus als flexible symbolische Ressource Eine Studie über rassistische Argumentationsfiguren. transcript, Bielefeld. 2015

Reckwitz, Andreas: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne Weilerswist 2006: Velbrück Wissenschaft

Transformatorische Bildung – Folge 020 “Kritische Theorie mit Daniel Burghardt“

Ich unterhalte mich mit Dr. Daniel Burghardt über Kritische Theorie und Kritische Pädagogik. Herr Burghardt vertritt zur Zeit die Professur Bildung und Heterogenität an der Universität zu Köln.

Auszug aus dem Arian*-Interview (Fr001)
123 (2) Dann sind wir erstmal
124 so zehn Minuten zu Fuß. Und dann war hier die serbische
125 Grenze /zieht auf dem Tisch eine Linie mit seinem Finger/ und
126 hier Ungarn /zeigt auf andere Seite der Linie/. Da war dieses
127 Maisfeld und da waren ein paar Steine, die sollten Grenze zei-
128 gen, also die serbische-ungarische Grenze. Ja, und dann kam der
129 serbischer Typ, der sagte dann zu uns: Bis hier war meine Auf-
130 gabe, euch bis hier zu bringen, ab hier müsst ihr alleine, wo
131 diese Steine da waren, und da waren auch so Gräben, aber der
132 Abstand war ziemlich groß, von serbischer zu ungarischer Seite,
133 aber da war kein Wasser drin. [Also quasi waren da zuerst
134 Steine, dann ein Graben, und dann kam Ungarn?] Ja genau,
135 richtig. Ja, und wir haben gehört, wenn wir diesen Punkt an-
136 kommen, also an Grenze, das wird auch kein Problem sein.
137 Erstmal hatten wir Angst wegen serbischer Polizei, aber zum
138 Glück haben wir sie nicht getroffen. (.) Da waren auch ein paar
139 äh alte Frauen, die sich nicht bewegen konnten und so. Die hat-
140 ten auch Kinder und so (.) da waren auch ein paar Bekannte von
141 (.) uns die Frauen konnten nicht mehr. Die waren schon am wei-
142 nen (.) und sagten geht ihr und nehmt mit meine Kinder und so
143 (2) ja… habe ich auch so ein kleines Kind in meine Arme ge-
144 nommen (.) und äh (3), also ihre Mutter sagte ich kann nicht
145 mehr und so (.) und ich hatte meine Sachen meinen Rucksack,
146 eine Tasche und so und das Kind auch (.). Und dann ist (.) das
147 kleine Kind hat geweint, weil ihre Mutter sagte, ich kann nicht
148 mehr ich bleibe hier und so. Aber dann ist mein Vater dort hin
149 gegangen und hat geholfen und hat die über die ungarische
150 Grenze gebracht. Dann musste ich das Kind nehmen, weil wir
151 mussten ganz schnell gehen über das Maisfeld. Und für einen
152 Moment (.) konnte ich nicht mehr (.) das Kind war die ganze
153 Zeit am weinen und hatte schon ganz rotes Gesicht und auf dem
154 anderen Arm hatte ich Tasche. Für einen Moment ist das äh
155 Kind gefallen. Also nicht auf den Boden[Du hast sie aber dann
156 nicht fallen lassen oder?] aber so ich hab das dann noch gehal-
157 ten. Äh dann (.) und ihr Gesicht war in den Maisfelder damit sie
158 aufhört zu weinen ich konnte nichts machen. Sie schrie Mama,
159 Mama und wir hatten sorgen weil wir ja schnell gehen mussten
160 sie war rot. Ich war zweite Person (.) erste Person war Freund
161 von mir, ein junger Mann. Ich war in der Schule mit ihm (.) für
162 einen Moment haben die Äste der Maisfelder ähm (3) [also da
163 war eine Lücke?] ja da war eine Lücke zwischen, er war in den
164 Feldern und ist nicht mehr gegangen und hat mich angeschaut.
165 Er war aufgeregt, weißt du (.) was ist fragte ich, geh schnell.
166 Denn wenn wir an die serbische Grenze waren, der Typ hat ge-
167 sagt da ist eine Kirche. Ihr müsst in die Richtung der Kirche ge-
168 hen, die Kirche ist in Ungarn was sollen wir da machen. Wir
169 sollten äh…zu einem Mann gehen [Meinst du vielleicht Pastor
170 oder Priester?] äh ja zu einem Pastor gehen und sagen, dass wir
171 Hilfe brauchen. Das war nur ein Witz die Kirche war ganz, ganz
172 weit und so (.) wir haben nicht geschafft dahin zu gehen [lacht].
173 Es war laut in den Maisfeldern. Ähm der Typ sagte dann zu
174 mir, ich kann nicht mehr, mach langsam. Wir waren fast 30 Per-
175 sonen, es war laut und so ähm im Maisfeld aber er sagte zu mir
176 ich kann nicht mehr. Die haben gesagt, die Polizei steht hier,
177 dann sagten wir ja dann geh. Dann sagten die Polizisten stopp
178 und wir sind alle um die Polizisten rum, die fragten dann wo
179 wir hin wollen. Wir äh… sagten immer weiter. Ja wir sind
180 Flüchtlinge und so. Dann haben sie zu uns gesagt, wir sollen
181 alle in Knie gehen und (.) ja äh haben wir gemacht weil wir
182 konnten nichts und die hatten Pistolen (.) ich war als Hauptper-
183 son dabei und hab auf Englisch mit denen gesprochen. Ich
184 sagte, wir haben keine Pistole oder Messer, wir wollen nur wei-
185 ter gehen. Wir haben Brot gegessen und waren fast zwei Stun-
186 den unterwegs zu Fuß. Dann sind wir da ein bisschen gestanden,
187 waren immer nett zu ungarische Polizei und so und haben was
188 gegessen. Dann haben die einen mini Bus angerufen, ich dachte
189 da kommen jetzt ein paar Polizisten aber da kamen ganz viele
190 mit Blaulicht. Die waren sehr, sehr hart. (.) Schnell in Mini Bus
191 [Waren die mini Busse von der Polizei?] und so wir waren eine
192 Familie und zwei Personen einer anderen Familie. Wir waren
193 vier Personen meine Familie die andere Familie und zwei Ty-
194 pen. Die mini Busse waren von der Polizei. Ein Typ ist im Mini
195 Bus stehen geblieben und der andere ist gefahren. Der eine hat
196 aufgepasst dass wir nichts machen. In der Mitte des Autos war
197 ein Weg aber das Auto ist sehr schnell gefahren, der hat immer
198 mehr auf Gas gedrückt und in Spiegel geguckt, ich konnte gar
199 nichts (.) äh machen. Die waren sehr hart. Ich musste aufpassen
200 auf meine Familie. (.) wir waren dann in der Polizeistation (2)
201 und dann mussten die alles kontrollieren und so. Tasche, Port-
202 monee ein Cent, Euro, die mussten alles kontrollieren. Ich hatte
203 Karte, die mussten alles schreiben. Wir mussten Fingerabdrücke
204 geben, viermal. Das hat die ganze Nacht gedauert.

Transformatorische Bildung – Folge 015 “Ich lasse mich nicht von der Außenwelt definieren!” mit und gegen Butler

Ein Gespräch mit Elisa zum narrativen Interview von Ahmet (FR042)

A: Also die Sache ist die (2) Ich lasse mich irgendwie nie von der Außenwelt blenden beziehungsweise (.) ich lasse gar nicht diese Welt (.) ehm in mich hinein (2) Denn wenn ich das machen würde (.) würde ich mich nicht hier beheimatet fühlen ich würde mich ausgegrenzt fühlen (2) Ich diese Außenperspektive (.) ehm macht aus einem Menschen (2) ehm einen Fremden deswegen (.) versuch ich mich immer aus meiner eigenen Perspektive der Sache zu nähern (.) Ja? Verstehst du? Dass ich mich nicht von außen definieren lasse
sondern dass ich mich selbst definiere und ich fühle mich dazugehörig ich liebe diese Sprache ich liebe die Kultur und (.) ehm ich liebe die Menschen und deswegen sage ich (.) ehm: Das ist meine Heimat! Aber wenn es wirklich darum gehen würde dass ich mich nach den Medien richte nach der Außenwelt (.) dann würde ich mich auf jeden Fall ausgegrenzt fühlen (.) denn ich kenne viele die sich so fühlen (2) ,weil die sich halt sehr viel von allem drum herum blenden lassen.

Transformatorische Bildung – Folge 003 “Bildung und Anrufung nach Judith Butler / Selda-Interview Teil 1”

Heute haben Mimoza und ich das Selda-Interview (FR040der Name ist verändert) besprochen. Leider sind wir ungefähr in der Hälfte unterbrochen worden. Aber es sind doch einige interessante Ideen zur Anrufung dort enthalten.

Zitat „Ähm und was ich, ja ich hatte immer Probleme in der Schule tatsächlich, weil ich viele Mitschülerinnen nicht verstehen konnte was äh zum Beispiel ähm die Religion anging?. Da hat ich immer eine andre Sichtweise als meine Mitschülerinnen? und dafür ähm hab ich mir immer Eingebildet, das ist der äh das Allgemeinwissen vielleicht irgendwo aus auch die Bildung ist das man anders über, über Religion auch denkt als meine Mitschülerinnen. Die eh mich immer als Schlampe bezeichnet oder mich beleidigt haben, weil ich kurze Sachen angezogen hab zum Beispiel? und die aber lange Sachen dafür, in der Pause gekifft haben und äh ganze Zeit mit den Jungs abgehangen haben? ja ne das ist das dann. Hab ich mir auch halt immer ich so das äh und wir haben, ich hatte Ethik, das äh sagt euch vielleicht das ist dieses irgendwie sag ich immer keine richtige Religion man ist ja irgendwie für nix und äh da /lachen, ja/ da äh da war immer die Diskussion ähm von mir? tatsächlich, dass äh ich zwar als Moslem geboren bin? aber es nicht auslebe und ich nicht nur, weil ich jetzt Schweinefleisch äh oder Alkohol trinke in die Hölle komm und, dass ja das war tatsächlich deren ähm das glauben die, das haben die geglaubt, dass wenn die Schweinefleisch essen, dass sie in die Hölle kommen, dass sie in der Hölle irgendwie verbrannt werden. Ob das jetzt so ist oder nicht das kann ich irgendwann sagen, wenn ich äh wied- wiederbelebt werde und sag ja so wars aber mein Verstand (.) hat mir immer gesagt kann doch net sein also warum, man lebt ja nur einmal auf der Welt und warum sollte ich mir, was verbieten äh was, worauf ich eigentlich Lust hab. Manchmal so worauf ich Lust hab, weil viele meiner Mitschülerinnen die ähm vieles auch gewollt haben aber es nicht gemacht haben, dadurch weil es die Kultur, weil (.) es die Religion einfach nicht zu lässt und das ist ja (2) gehört ja auch irgendwie was von Freiheit was von, von eigenem (3) Verstand, ja gut ich glaub ich komm jetzt was vom Thema ab.“

Literatur

Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung, Suhrkamp Verlag 1977

Koller, Hans-Christoph: Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Kohlhammer, Stuttgart. 2006 (Darin: Kapitel 1: Der Erziehungsbegriff der Aufklärung: Kant. S. 25 ff.)

 

Transformatorische Bildung – Folge 001 „Bildung und Habitus“

Ein Gespräch zwischen  Mimoza und mir zum Thema „Transformatorische Bildung.“ Das Mesut-Interview (FR028)

Ein kurzes Auszug aus dem Interview:

„Eine Geschichte lässt mich seit dem nicht los: wir haben eines Tages Fußball gespielt, wir und die Kinder und wir wurden oft von anderen Leuten ,äh, aus dem Dorf und aus der Umgebung angefeindet. Die kamen dann halt, ham da in ner Gegend rumgelungert und da Alkohol getrunken und ham rumgepöbelt gegen uns, während wir da am Zaun gespielt haben. Die waren aber auf der anderen Seite vom Zaun. Da ham wir halt Fußballgespielt, wir Kinder, und den Fußball gegen den Zaun getreten und ja. Eines Tages kam‘ die dann halt und haben uns angepöbelt und und ham da so Bierflaschen rüber geworfen und keinen von uns getroffen, einfach nur so und das die uns halt bisschen Angst machen und so, en bisschen rumpöbeln. Ihr kennt das ja wahrscheinlich, wenn Leute betrunken sind und en bisschen rumpöbeln. Die haben uns auch nicht körperlich weh getan, aber die haben halt rumgepöbelt. Und dann ham unsere Eltern und die Verwaltung vom Asylheim, haben dann halt die Polizei gerufen, äh weil die hätten ja zu Schaden kommen können. Dann kam die Polizei, äh, hat mit uns geredet. Hat mit denen ,äh, die warn halt noch da, die sind nicht weg gegangen, die hatten keine Angst. Die waren dann weiter weg ,dann und dann kamen die wieder zu uns und meinten zu uns, wir sollen nicht mehr so nah am Zaun spielen. Und die anderen die halt rumgepöbelt haben und die Flaschen geworfen haben, obwohl wir noch die Flaschen gezeigt haben äh und so weiter, haben nicht mal ‚ ‘n Platzverweis bekommen. Und für ‘n Platzverweis musst du eigentlich nicht mal viel machen, den die Polizisten erteilen und da hat man schon vorgelebt bekommen, was man halt, ja, das wir den Fehler gemacht haben. Und so, als vier/ fünf sechs Jähriger, weiß man nicht wie man da reagieren soll. Wenn ich da Fußball spiele und dann jemand uns, uns was antut und wir die Polizei rufen und die Polizei sagt: Wir ham den Fehler gemacht, wir solln nicht mehr dort spielen /atmet tief ein/ , dass sind so Sachen, was ich da nicht realisieren konnte, aber mh, wenn mir heute sowas begegnet, dann ist das natürlich hochgradig ,ähm, auch rassistisch. Weil das war ja auch nur, weil wir weil wir Ausländer waren und auch aus Bequemlichkeit hat die Polizei uns dann weg gescheucht, wollte nicht mehr, dass wir dort spielen. Und natürlich weiß ich auch, dass es heute anders ist. Das es früher ein bisschen anders war als jetzt.

Heutzutage würde das glaube ich nicht mehr so passieren. Heutzutage sind die Leute bisschen aufgeklärter und en bisschen mh aufnahmebereiter, was ich hier mitbekommen hab. Die Leute verschließen ihre Augen nicht mehr, aber auch nicht überall. Halt teilweise. (mh)“

144 Irgendwann hab ich dann den Hauptschulabschluss gemacht, /zieht die Luft ein/ und das ist mir so
145 einfach gefallen, dass ich dachte,(.) ich mach auch den Realschulabschluss und irgendwann hatte ich,
146 ist mir das auch sehr einfach gefallen, ich hatte den Hauptschulabschluss auch mit 1,0 geschrieben,
147 den Realschulabschluss mit 1,0 geschrieben und Abitur hab ich nicht mit 1,0 geschafft. /schmunzelt/
148 Ich weiß gar nicht mehr, 1,8 oder so, also bisschen besser als 2,0. Und /räusper/ mhmm jaa, was mich
149 dazu gebracht hat, war mhm, das war auf der Hauptschule, da hatten wir son kleinen Wettbewerb,
150 mhmm und der Gewinner hat dann halt son ähh son 10 Euro mhm ähh Bücher-Gutschein bekommen,
151 für son Bücherladen hier in der Stadt in T* bei uns. Und ich, ich weiß gar nicht mehr, was der
152 Wettbewerb war, aber irgendwie hab ich gewonnen und ich hab diesen Büchergutschein bekommen.
153 Und damals war ich halt noch so: „Bücher, kein Plan, was soll das?(.), will ich nicht.“
154 Bin ich halt zu dem Bücherladen und meinte: „Hey, ich hab n Büchergutschein, kann ich das in die 10
155 Euro umwechseln?“ Und der meinte zu mir: „Nein, ich muss was kaufen“. Dann meinte ich zu ihm:
156 „Mhmm, wenn ich was für 1 Euro kaufe, bekomme ich dann die restlichen neun? (?) /lacht/ Und der
157 wusste schon worauf ich hinausmöchte und meinte:“Nein, du musst mindestens ein Buch für
158 mindestens 7-8 Euro kaufen. (.)Mhm,dann bin ich da halt da so rumgelaufen und äh, dann hab ich halt
159 ein Buch gefunden, das hieß „Fermats letzter Satz“ uund das hat, glaube ich, nur 7 Euro gekostet,
160 deswegen hab ich das Buch gekauft, damit ich die restlichen 3 Euro bekomme, und das hab ich dann
161 halt mit nach Hause genommen, hab das angefang zu lesen, aus Langeweile, ich wusste ni (.) ich hatte
162 da nichts zu tun und das, das hat mich dann son bisschen auf die richtige Bahn gebracht, hat mich
163 interessiert, mir die Augen geöffnet, das hat mir (.) ja ich, ich kanns gar nicht beschreiben. Das hat mir
164 so die Liebe zur Mathematik gebracht, zur Logik, das ich logische Sachen gerne sehe, dass ich gerne
165 Strukturen seh? Joa und seitdem fiel mir alles einfach, weil ich Sachen(.) schneller durchblickt habt.
166 I: (mhmmm..)
167 M: Ich kann schon sagen, dank dem Buch. Das Buch hat /zieht Luft ein/ das Buch hat mir sehr gefallen,
168 ist bis heute mein Lieblingsbuch, ich habs mehrmals gelesen und (.) jedem zu empfehlen.

Literatur

Rosenberg, Florian von: Bildung und Habitustransformation. Empirische Rekonstruktionen und bildungstheoretische Reflexionen. Bielefeld: Transcript, 2011

Koller, Hans-Christoph: Bildung anders denken: Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Kohlhammer 2011